Es gibt Schriftsteller, bei denen es fast egal ist, zu welchem ihrer Bücher man greift. Sie klingen alle mehr oder weniger gleich, sind deswegen aber noch lange nicht redundant, sondern schillern in ihrer Selbstähnlichkeit umso schöner vor sich hin. Wilhelm Genazino war dafür bekannt, ein und dasselbe Buch immer und immer wieder neu zu schreiben und doch nie langweilig zu werden, weil immer die eine oder andere neue Raffinesse, Verschraubtheit, unbekannte Drehung dazu kam.

Auch Haruki Murakami und Patrick Modiano sind solche Schriftsteller. Was der größte Unterschied zwischen diesen beiden ist? Beide sind Könner, große Könner besonders der Melancholie; der Japaner Murakami ist näher am Aktuellen, am Pop, am Alltag, der Franzose Modiano pflegt eine schimmernde Nostalgie, weshalb die meisten seiner Bücher in den 1960er Jahren spielen, den, wenn man so will, letzten goldenen Zeiten (und immer ist Sommer). Aber vor allem hat Modiano 2014 den Literaturnobelpreis erhalten, Murakami noch nicht.

Modianos neuster Roman, auf Deutsch "Unsichtbare Tinte" betitel, spielt allerdings in der Jetztzeit, "in einem anderen Jahrhundert". Zumindest beginnt er da, bevor doch wieder eine Reise durch die Zeit stattfindet. Man könnte den Roman zunächst für einen Krimi halten, denn er handelt von einer verschwundenen weiblichen Person, und der Erzähler, der sich Jean nennt, soll als Gehilfe einer Privatdetektei ihre Fährte aufnehmen.

- © Hanser
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Er findet einiges heraus, fängt einen Brief ab, trifft sich mit einem Bekannten der Verschwundenen, entpuppt sich aber schnell als schlechter, weil seltsam demotivierter Detektiv, der sich auch lieber ausufernd mit philosophischen Fragen nach Gedächtnis, Erinnerung und Zeit beschäftigt.

Modiano ist ein Meister, kein Wort ist zu viel, keines unpassend. Sein Spiel mit dem Genre überspitzt er noch, indem er zusätzlich Autofiktion betreibt. Es gibt motivierte und unmotivierte Sprünge in der Handlung, die er als "Lücken" bezeichnet: "Es gibt Leerstellen in einem Leben und Aussetzer des Gedächtnisses." Sein Schreiben versteht er als Prozess, um diese Lücken im Gedächtnis langsam zu schließen, um sich hinein und weiter vorzuschreiben in das Vergessene (daher auch der Titel "Unsichtbare Tinte").

Die modernen Hilfsmittel lehnt er nicht ab, aber er bleibt skeptisch, "das Internet hilft kein bisschen". So schafft er es, seine "Manufactum"-Literatur zu erhalten, schön, schimmernd, nostalgisch - Literatur wie ein Oldtimer, der blendend gepflegt wurde, und alles an ihm wirkt so gut wie neu.

Die verschwundene Frau kommt aus den französischen Alpen, wie der Erzähler, und aus einfachen Verhältnissen. Sie heißt Noëlle Lefebvre, zumindest scheint es lange so. Sie hat einen Ex-Ehemann, mit dem sie nach Rom geht, und einen zwielichtigen Freund, den sie links liegen respektive in Paris zurücklässt. Wer sie wirklich ist, bleibt offen, genau wie die Spuren, die nicht wirklich aufgeklärt werden. Am Ende ist aus dem Krimi so etwas wie eine Liebesgeschichte geworden, und zwar eine zwischen einem Gespenst und einem faulen Detektiv.

Zu viel verraten? Stimmt vielleicht auch alles nicht. In jedem Fall lohnt sich das Lesen, wie bei jedem Roman dieses großen Schriftstellers.