Es gibt Bücher, die schreien förmlich nach einer Verfilmung. So wie London Shahs "Water Rising" - dabei ist die Geschichte noch nicht einmal fertig erzählt. Denn soeben ist erst Teil 1 von 2 mit dem Untertitel "Flucht in die Tiefe" erschienen ("Im Sog der Verschwöung" erscheint im Oktober). Die Dystopie, die um den Jahreswechsel 2099/2100 spielt, zeigt ein London, das mehrere zig oder hundert Meter (so genau geht die Autorin nicht ins Detail) unter dem Meeresspiegel liegt. Allerdings ist nicht der Mensch beziehungsweise der von ihm verursachte Klimawandel alleine schuld (er ist aber auch ein Faktor), sondern ein Meteoriteneinschlag, der die tektonischen Platten durcheinandergebracht und das in ihnen befindliche Wasser an die Oberfläche getrieben hat. Und so wächst die 16-jährige Muslima Leyla McQueen in einer Unterwasserwelt auf, deren älteste Bewohner sich noch daran erinnern können, wie es war, als die Menschheit auf der trockenen Oberfläche der Erde lebte.

Leyla hingegen kennt nichts anderes, und angesichts der starken Stürme, die offenbar chronisch über dem Meer wehen, ist sie sogar froh um die Stille des Ozeans, in dem sich die Menschheit häuslich eingerichtet hat in ihren wasserdichten Behausungen - wäre da nicht eine weitere äußere Gefahr, die sie sich selbst zuzuschreiben hat: Gentechniker haben nämlich sogenannte Anthropoiden geschaffen, also modifizierte Menschen, die im Wasser atmen können. Und diese neue Spezies hat sich gegen die Menschen gewandt, sodass nun ein erbitterter Krieg herrscht. Aber für Leyla gibt es noch eine andere Gefahr: Ihr Vater wurde nämlich unter dubiosen Umständen verhaftet und weggesperrt. Und nicht einmal ihr eigener Großvater kann oder will ihr Genaueres dazu verraten. Doch dann kommt der Moment, an dem es ihr reicht: Als sie das große Tauchbootrennen gewinnt und ihr der Hauptpreis - der Gewinner hat normalerweise einen Wunsch frei, und Leyla wünscht sich natürlich Papas Freilassung - verwehrt wird und sie stattdessen ein U-Boot bekommt, dass alle Stücke spielt, beschließt sie, sich gegen die eigene Regierung zu stellen und auf die Suche nach ihrem Vater zu machen. Und so flüchtet sie aus Unterwasser-London und bricht auf in die unbekannte weite Welt. Mit auf Reisen in ihrem U-Boot ist ihr kleiner Hund Jojo - und dann taucht auch noch Ari auf, den ihr Großvater ihr gegen ihren Willen als Beschützer zur Seite stellt. Ein junger Mann, der sie zugleich nervt und fasziniert . . .

London Shah erzählt nicht nur eine spannende Geschichte voller Technologiefantasie, sondern sie tut dies auch noch in großen Bildern. Sie bettet das reale London in eine bombastische Unterwasserwelt, mit Actionszenen, für die es wohl einiges an Computeranimation bräuchte, um sie zu verfilmen. Aber sowohl der Plot als auch ihre Protagonistin wären es wert, auf der Leinwand zu landen (bis der Film fertig wäre, hätten die Kinos auch wieder aufgesperrt). Zwischen den Zeilen erhebt sie auch immer wieder einen mahnenden Zeigefinger und hält der Gegenwart eine kaputte Zukunft vor (auch wenn selbst die größten Umweltsünden keinen zerstörerischen Meteoriteneinschlag provozieren könnten, gibt es genug anderes, was aktuell schiefläuft und sich irgendwann rächen wird). Dass Ihre Heldin als muslimische Afghanin in London einer religiösen und ethnischen Minderheit angehört, ist für die Geschichte zwar nicht unbedingt notwendig, schadet ihr aber auch nicht, sondern kann als Beitrag zur Diversität in der Jugendliteratur gesehen werden. Überhaupt spielt das Thema Fremdenfeindlichkeit keine kleine Rolle in diesem Jugendthriller. Und dann ist da noch ein Gastauftritt von Oscar Wilde als Hologramm, was für ein gewisses Maß an Bildungsbürgertum sorgt.

Positiv fällt auch auf, dass London Shah keine Überdrüber-Helden zeichnet, sondern ganz normale Menschen - manche physisch oder psychisch stärker als andere -, die freilich mit ihren Aufgaben wachsen. Und selbst der Technologiesprung von 2021 auf 2099 ist ein durchaus glaubhafter - wenn man einmal die Frage beiseite lässt: Wer hat das wohl alles womit bezahlt? Aber im Angesicht einer derartigen Naturkatastrophe, wie sie die Autorin ihrer Welt zugrunde legt, spielt Geld vermutlich kaum eine Rolle (schlag nach beim EU-Corona-Aufbaufonds).