"Erfinder" nennt sich die Hauptfigur, "denn ich erfinde Geschichten, Fortsetzungsstorys genauer gesagt für ein Frauenmagazin. Die spielen im Arztmilieu, handeln von Leben und Tod, Liebe und solchen Sachen". Manchmal würden Leserinnen und Leser schreibend rückmelden, dass diese, dass jene Szene tatsächlich ihr Leben verändert habe, manches nach der Lektüre tatsächlich eingetreten sei. Nun wird sie vom Chefredakteur aufgefordert, eine Geschichte zu beenden, am besten mit einem jähen oder auch unvermittelt unlogischen Finale, sei doch die Story bisher auch unlogisch gewesen.

Das ist die scheinbar wenig Ertrag verheißende Ausgangsbasis von Anna Baars Roman "Nil". Dann spielt ein Fotoautomat eine Rolle - pittoresk vom Verlag für den Schutzumschlag aufgegriffen - und eine Figur namens Sobek samt Neurosen, Lebensängsten, Familienerinnerungen. Und sonst spielt das Erzählen als Erzählen eine eminente Rolle. So stellt sich am Ende des schmalen Bandes die Frage: Hat der Wallstein Verlag dieses Buch eigentlich erfunden? Hält man eine Attrappe in Händen? Worum kreist diese Prosa, wenn nicht um Kreise und sich verstrudelnde Strudel, in denen über Kreise und Erzählen in Strudeln reflektiert wird?

Denn erzählt wird von nichts als dem Finden einer Geschichte und dem Aufgreifen von Geschichten, die aufgedrängt, erinnert, notiert werden. Die sich vermischen, die durcheinanderpurzeln und neue Capricci ergeben, mit neuer, anderer Farbe. Hier erfindet sich die Erfindung - voilà Postmoderne, schöner Gruß an John Barth und John Hawkes, an Raymond Federman und Jacques Roubaud, die Großen des Genres!

- © Wallstein Verlag
© Wallstein Verlag

Natürlich geht es bei Baar um Fabrikation und Fiktion, um Kreativität und Identität, den äußeren Zwang der Ersteren, den inneren Zwang der anderen. "Wer war", heißt es an einer Stelle, "der Porträtierte? Warum hat er sein Foto einfach zurückgelassen? War es überbelichtet, geschmolzen in der Hitze des Föns, verwackelt oder sonst wie verpfuscht durch unabsichtliches Blinzeln, eine gerunzelte Stirn, ein verzogenes Maul? Zeigte der Schnappschuss einen, der dem vermeintlichen Selbst nicht im Entferntesten glich - einen Zweiten womöglich oder ein anderes Ich?"

Anna Baar, die Kärntnerin, die zwischen Klagenfurt und Wien pendelt und als jüngste Auszeichnung im Jahr 2020 den Humbert-Fink-Preis zugesprochen bekam, schrieb 2015 in ihrem Debüt "Die Farbe des Granatapfels" noch entlang ihrer Autobiografie, inspiriert von vielen Kindheitssommern, die sie, deren Mutter Kroatin ist, auf einer dalmatinischen Insel verbrachte, die heute zu Kroatien gehört.

Ihr zwei Jahre später erschienener Zweitling, "Als ob sie träumend gingen", setzte ein in einem Spitalzimmer mit einem über dem Bett eines Patienten an der Zimmerdecke stetig kreiselnden Ventilator. Wie in einem Filmprojektor erstand da eine Abfolge von Bildern, die sich bald beschleunigten, bald innehielten und einfroren. Bilder, die lebendig wurden. Die Bilder ergaben das Leben des Erzählers in Rückblenden. Dieses Leben ergab einen Roman in Aufblende.

"Nil" hingegen ist ein etwas auf trockene Trickdistanz haltender Katarakt-Roman als Trick-Kaleidoskop mit unregelmäßigen Fotostopp-Einlagen und traumatischen Exkurs-Exkursen. Meinten manche Literaturkritiker zu "Als ob sie träumend gingen", es dürfte Jungphilologen durchaus Vergnügen bereiten, sich mit den fein in den Text gewebten Motiven und Referenzen aus Musik und Kunst, Christologie und Bibel auseinanderzusetzen und diese zu entschlüsseln zu versuchen, so gilt Gleiches - abzüglich des Christologischen - auch für "Nil".

Das beginnt beim Titel, als Fluss zu identifizieren, als lateinisches Wort für "nichts", als Rauchware, somit für Ephemeres, sich schlierend Verströmendes, Vergängliches, und setzt sich fort mit zahlreichen Zitaten und direkten bis indirekt verfremdenden Anspielungen auf Brecht, Bachmann, Italo Calvino, Jack Kerouac und viele andere.