"Damals, in diesem Sommer vor fast dreißig Jahren, wohnte ich im Westen und weit weg vom Wasser." So beginnt der neue Roman der deutschen Schriftstellerin Judith Hermann, und selbst wer nicht wüsste, dass sie diesen Satz geschrieben hat, könnte darauf wetten: Das Sehnen ist ihm eingeschrieben wie sein alliterierender Rhythmus.

Vor fast dreißig Jahren erschien auch "Sommerhaus, später", der umjubelte Erzählungsband der 1970 geborenen Autorin, der ihr das Etikett "Sound einer Generation" einbrachte. Seit damals hat Hermann einige weitere Erzählungsbände und einen arg konstruierten Roman veröffentlicht und dabei stets einen sachten, altmodisch zaghaften Erzählton angeschlagen.

Ihre Figuren sind mit ihr älter geworden, heute sind sie demnach um die 50 Jahre alt- so wie die namenlose Ich-Erzählerin aus "Daheim". Eine Frau, die es in den Norden Deutschlands, ans Meer verschlägt. Dort sucht sie Anschluss an ein Leben, das sein Zentrum verloren hat. Ihren Mann hat sie verlassen, ihre Tochter treibt sich in der Welt herum. Zeit, um zurückzublicken auf ein Leben, das spannender hätte werden können.

Ruhiges Leben

- © S. Fischer
© S. Fischer

Eine Episode aus ihrer Vergangenheit setzt den Roman in Gang, damals nämlich hätte es die Gelegenheit gegeben, bei einem Zauberer anzuheuern, um als zersägte Jungfrau groß (und ganz) rauszukommen. Sie entscheidet sich dagegen, um ein gewöhnliches Leben zu führen, dessen erste Hälfte schon herum ist. Im Norden lebt auch ihr Bruder mit seiner zu jungen Freundin, immer wieder gibt es Rückblicke auf ihrer beider Kindheit.

Die Erzählerin lebt allein in einem Haus und fürchtet sich dort anfangs wie ein Kind. Sie leidet am sogenannten Empty-Nest-Syndrom, weil ihre Tochter das Haus verlassen hat; sie leidet aber auch wie alle Figuren von Judith Hermann am traurigen Hin und Her des Lebens, so fade wie der Wechsel der Gezeiten, und verzehrt sich nach ein bisschen Magie.

Unaufgeregt, ja unaufregend erzählt der plotlose Roman davon und spiegelt die Erzählerin und ihren Bruder in einem anderen Geschwisterpaar: Die wehrhafte Mimi ist ein Baum von einer Frau und ihr Bruder keine verhängnisvolle Affäre. Die beiden kommen aus einer vermeintlich heilen Familie, mit gemeinsam alt gewordenen Eltern, während die Ich-Erzählerin und ihr Bruder vernachlässigte Kinder waren.

"Die Familie ist das wichtigste", vermutet eine der Figuren, ein indischer Arzt. Dass es so sein könnte, raunt Hermanns Roman, den märchenhafte Motive durchziehen. Er spricht das nicht aus, nimmt die Familie, den jeweiligen Stamm nur unscharf in den Blick, spielt beiläufig mit der Opakheit der Welt, mit den Gräben zwischen den Generationen und unterschiedlichen Frauenbildern. Und mit den Einsamkeiten und Ängsten seiner Protagonistin, die sich Lebenshilfe in der Literatur holt.

Neue Nüchternheit

Die zentrale Frage des Romans steht auf Seite 148 und lautet: "Was brauchen wir und worauf können wir verzichten?" Das bezieht sich auf den konkreten Ressourcenverbrauch wie auf den Sinn des Lebens. Es ist die Frage einer Autorin, die das Leben, wie es ist, in den Blick nimmt und die weiß, dass fast alles im Leben scheitert, wie es an einer anderen Stelle des Romans heißt. Das hat eine neue Nüchternheit, auch im Erzählton, zur Folge. Der Zauber von einst scheint verflogen, Blumenkohl zu kochen und Sex zu haben spielt sich in "Daheim" auf dem selben Erregungslevel ab, das Weggehen und das Hierbleiben sind eins geworden.

Es ist eine entzauberte Welt, in der es auch schon egal ist, dass die Erzählerin verrät, wie der Trick mit der zersägten Jungfrau funktioniert. Desillusionierter können Hermanns Figuren nicht mehr werden. Und die mit Judith Hermann alt geworden Leser und Leserinnen schon längst nicht.