Wer Daniil Charms gelesen hat, beneidet jeden, der Daniil Charms erst noch kennenlernen kann. Weil das erste Mal Daniil Charms zu lesen, ist, wie alle ersten Male, etwas Besonderes.

Daniil Charms, russischer Autor, am 30 Dezember 1905 in St. Petersburg als Daniil Iwanowitsch Juwatschow geboren, am 2. Februar 1942 in einer psychiatrischen Anstalt in der mittlerweile in Leningrad umbenannten Stadt gestorben. Todesursache könnte Verhungern gewesen sein - Leningrad wurde zu diesem Zeitpunkt von der Wehrmacht des nationalsozialistischen Deutschland belagert. Ob Charms tatsächlich wahnsinnig war, oder die Ärzte auf Befehl der sowjetischen Machthaber eine Geisteskrankheit bei dem unangepassten Autor diagnostiziert hatten, oder Charms eine Geisteskrankheit simuliert hatte, um das Gefängnis zu vermeiden, ist umstritten.

Daniil Charms war ein Pionier der Literatur des Absurden. - © Unknown author / Public domain / via Wikimedia Commons
Daniil Charms war ein Pionier der Literatur des Absurden. - © Unknown author / Public domain / via Wikimedia Commons

Wieder weg - wieder da

Charms ist ein Phänomen: Er ist ein Pionier der Literatur des Absurden. Im deutschsprachigen Raum war er ein Unbekannter, bis der begnadete Übersetzer Peter Urban bei Fischer "Fälle. Prosa, Szenen, Dialoge." vorlegte und in der Folge im Haffmanns Verlag eine umfangreiche Charms-Ausgabe herausbrachte. Ab 2010 erschien bei Galiani eine weitere Charms-Ausgabe unter Federführung der Übersetzer Beate Rausch und Alexander Nitzberg. In kürzester Zeit war ein großer Teil der Editionen, sowohl der Urbans als auch der von Rausch und Nitzberg, vergriffen. Auch andere Teile von Charms‘ Werk, etwa seine Kindergeschichten, wurden aufgelegt. Ganz weg war Charms zwischen und nach den Urban- und Rausch-Nitzberg-Höhepunkten zwar nie, ganz da ebensowenig. Die Friedenauer Presse hat jetzt einige der Urban-Übersetzungen neu aufgelegt. Kommt Zeit, kommt Charms?

Das Fragezeichen ist notwendig. Es geht nicht allein um diesen außerordentlichen Autor, sondern um das Genre, dem er zugehört, und das fast völlig im Verschwinden begriffen ist: die Literatur des Absurden. In den 50er-, 60er- und 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts feierte sie speziell im Theater einzigartige Siegeszüge. Ein Autor, Samuel Beckett, wurde mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, von jedem zweiten Autor der Richtung wurde das Gleiche erwartet.

Nun ist es nichts Außerordentliches, dass Autoren, die eben für Jahrhundert-Genies gehalten wurden, wenig später kaum über den Rand der Schublade blicken können, in der ihre Werke verwahrt liegen: Frank Wedekind, Hermann Bahr, Georg Kaiser - die Liste lässt sich beliebig lang fortsetzen. Der tiefe Fall des Theaters des Absurden innerhalb von rund drei Jahrzehnten ist dennoch erstaunlich.

Ein Blick in einen Theaterführer der 60er- und 70-Jahre genügt, um zu wissen, dass Arthur Adamov, Fernando Arrabal, Jacques Audiberti, Samuel Beckett, Michel de Ghelderode, Eugène Ionesco, Jean-Paul Sartre, Jean Tardieu und Boris Vian als die bedeutendsten Dramatiker der Gegenwart eingestuft wurden. Ionescos "Nashörner" und Sartres "Geschlossene Gesellschaft" waren Oberstufen-Schullektüre im Französisch-Unterricht.

Lag es nur an der Nachkriegs-Frankophilie, der die deutschsprachigen Theater huldigten? Geht man auf Wien bezogene Kritikensammlungen durch, etwa die Hans Weigls, kommt man zum Schluss, dass zeitgenössische französische Autoren, speziell Jean Anouilh, wesentlich stärker präsent waren als zeitgenössische deutschsprachige Dramatiker.

Das Theater des Absurden zog auch nicht-französische Autoren magisch an, etwa den Österreicher H. C. Artmann, die Deutschen Tankred Dorst und Wolfgang Hildesheimer, den Schweizer Max Frisch, den Polen Sławomir Mrożek, den Engländer Harold Pinter oder den Tschechen Václav Havel. Auch die frühen Dramen des Österreichers Thomas Bernhard sind Theater des Absurden.

Nahezu nichts von all den absurden Herrlichkeiten hat sich auf den Bühnen gehalten, gerade einmal Ionescos "Stühle", zwei, drei Beckett-Dramen, hie und da taucht ein Jean Genet auf. Nicht einmal Dorsts "Kurve" und Dürrenmatts "Panne", beides brillante Dramen, haben sich gehalten. Da stellt sich die Frage, wie das zugehen mag.

Könnten sich die Mechanismen des Theaters des Absurden verbraucht haben? - Versucht das traditionelle Theater nämlich eine Welt-Erklärung, so unternimmt das Theater des Absurden die Welt-Nicht-Erklärung. Das traditionelle Theater stellt Beispiele für die Konsequenzen von Entscheidungen auf die Bühne, das Theater des Absurden Beispiele für das Fehlen von kausalen Zusammenhängen.

Jonglieren mit Wörtern

Das scheint keineswegs veraltet. Die Welt der Gegenwart ist nicht einfacher geworden. Dem Fazit kann weiterhin Gültigkeit zuerkannt werden, dass die künstlerische Welt-Erklärung gerade im Eingeständnis liegt, keine Erklärung abgeben zu können, und schon gar nicht durch dramatische Formen und Formeln entlang gesellschaftspolitischer Konzepte, wie das noch bis zum Theater Bertolt Brechts und seiner unmittelbaren Nachfolger, etwa Peter Weiss oder Peter Hacks, funktioniert hat.

Tritt im Theater des Absurden an die Stelle der dramatischen Logik die poetische Alogik, ist genau das der Kern des Problems. Der Reiz der Stücke ist groß, solange man über sie liest, eventuell auch noch, solange man sie liest und selbst das Tempo entscheiden kann. Anders gesagt: Ionescos "Nashörner" auf zwei bis drei Lesetage verteilt, sind weitaus vergnüglicher, als Ionescos "Nashörner" im Theater. Im Akademietheater hatten Ionescos "Stühle" einen glänzenden Erfolg - aber der lag wohl an der Inszenierung des Bühnenmagiers Claus Peymann und an den charismatischen Darstellern Maria Happel und Michael Maertens.

Es scheint, als würde das Theater des Absurden an seiner Grundlage scheitern: Die szenische Willkür kann die Handlung nicht ersetzen. Die Technik der zusammenhanglosen Wiederholungen und der sinnentleerten Dialoge wirken langweilig.

Auch Charms ist nicht frei davon: Sein Drama "Elisaveta Bam" liest sich prickelnd amüsant, funktionierte aber vor einigen Jahren auf der Bühne des Theaters Experiment am Liechtenwerd weitaus weniger - und es lag nicht an der Aufführung.

Charms‘ großer Vorteil ist dabei, dass er sich nicht ans Theater klammerte. Seine Szenen und Dialoge sind Lesetexte, obwohl manches inspiriert scheint von Stummfilm-Komikern wie Charlie Chaplin oder Buster Keaton. Aber ob und wie das auf der Bühne wirken würde, ist nebensächlich. Es ist eine Literatur, die den einzigen Zweck hat, als mit Wörtern und Worten zu jonglieren. Das hat etwas von der Ästhetik H. C. Artmanns - der Charms aber mit ziemlicher Sicherheit nicht gekannt hat.

Selbst Charms’ Pseudonym ist eine artifizielle Spielerei: Da Russische hat kein "h" und ersetzt dieses beim Sprechen mit "ch". "Ch" freilich gibt es im Russischen. Und so kann "Charms" sowohl eine Transkription der Mehrzahl des englischen Wortes für "Zauber" wie auch des Wortes für "Schäden" ("harms") sein. Oder es steckt überhaupt etwas ganz Anderes dahinter. Denn bei Charms ist immer alles ganz anders, als es aussieht.

"Mich interessiert das Leben nur in seiner unsinnigen Erscheinung", schrieb Charms in einem seiner Notizbücher. Als ob das Vergnügen des Lesers kein Sinn wäre!

Beneidenswert, wer ihn als Erstleser entdecken kann! Danach liest man ihn sowieso immer wieder.