Am 28. Mai feiert Heinz G. Konsalik, der erfolgreichste noch lebende deutschsprachige Autor, seinen 75. Geburtstag." Waren das Zeiten, als den Presseagenturen, im konkreten Fall der APA, das eine Meldung samt Bild wert war!

Abgesehen davon: "...der erfolgreichste noch lebende deutschsprachige Autor"!

Waren das Zeiten!

Man hat ihn gehasst, belächelt, geliebt - und vor allem: Man hat ihn gelesen, diesen Heinz G. Konsalik. Rund 170 Romane hat er verfasst.

Ja, tatsächlich (in Worten): hundertsiebzig. Bei einer Autogrammstunde in der Buchhandlung Kuppitsch in der Schottengasse sprach einer der Schlagestehenden den Autor auf seine ungeheure Produktivität an. "Ich schreibe ein Tagespensum von mindestens 10 Seiten", antwortete Konsalik. "Ein Autor, der weniger schreibt, ist einfach faul." Die meiste Zeit seines künstlerischen Lebens schirmt ihn seine Frau Elsbeth von allem ab, was nicht mit dem Schreiben zu tun hat. Er hat keine Hobbys, kennt als eine der wenigen Zerstreuungen nur die Opern Richard Wagners. In Bayreuth ist er ein häufiger Gast.

Punkt neun Uhr am Morgen beginnt er mit der Schreibarbeit. Auf ein Frühstück verzichtet er, denn: "Frühstück macht faul."

Faulheit: Das war Konsaliks Angst. Unablässig musste er in Worten und Sätzen schwimmen wie ein Hai im Wasser, der erstickt, wenn er stillhält.

Sprache ist Nebensache

Konsalik hat wenig Zeit auf die Feinheiten der Sprache verwendet. Wozu lange herumkorrigieren? Wozu raffinierte Metaphern suchen oder treffendere Synonyme? - Solch eine Sprachbastelei verschwendet doch nur Zeit. Dann schon lieber wie in Trance den nächsten Absatz in die Schreibmaschine hämmern. Ein Besessener.

Und nur ein Schundautor, wie die Literaturkritik meint, falls sie überhaupt etwas meint zu Heinz G. Konsalik und ihn nicht ignoriert.

Soll man die Ehrenrettung des Roman-Massenproduzenten versuchen?

Auf den Blickwinkel käme es an. Natürlich war Konsalik kein Thomas Mann; er war nicht einmal ein Johannes Mario Simmel. Konsalik stand nur für sich selbst. So gesehen, war er ein Phänomen. Er gab den Lesern die Unterhaltungsware, die sie lesen wollten.

Konsalik machte aus jeder Aktualität einen Roman. Die Mechanismen wiederholt er: Äußere Umstände stehen einer Liebesgeschichte im Weg. Das kann Krieg sein, Terrorismus, Ausbeutung von Menschen, Machtspiele, kriminelle Machenschaften, Krankheiten: Alles kann ein Konsalik-Roman werden.

Dabei sind seine ersten Romane richtige Krimis: "Ein Mann ohne Gewissen", "Der Mann, der sein Leben vergaß" und "Das Teufelsweib", alle drei aus den Jahren 1951 und 1952, lesen sich wie eine Nachahmung von Georges Simenons Non-Maigrets. Wenn Konsalik so weitergemacht hätte... Aber mit "wenn" und "hätte" schreibt niemand Literaturgeschichte. Abgesehen davon, dass Konsalik, der sich selbst als "Volksschriftsteller" bezeichnete, mit der Literaturgeschichte sowieso nichts am Hut hatte.

In "Wir sind nur Menschen" (1953) kommt er auf den Arztroman, 1958 kombinierte er Medizin und Zweiten Weltkrieg in "Der Arzt von Stalingrad". Eigene Erfahrungen? - Immerhin hatte Konsalik selbst Medizin studiert, war Kriegsberichterstatter gewesen und als Soldat an die Ostfront geschickt worden. Mit dem "Arzt von Stalingrad" war Konsalik ein gemachter Mann.

Konsalik spielt besänftigend auf allen deutschen Traumata: Landser, Ärzte und Russen verwandelt er in Arzt-Kitsch, Front-Kitsch und Russland-Kitsch, alles in wechselnden Verbindungen. Er wühlt in Klischees. Der Landser mit kumpelhaftem Schweißfuß-Charme, der schikanöse Unteroffizier, der anständige Offizier, der gerne anders handeln würde, als er handeln muss, liebende Russinnen, russische Soldaten, die auch nur Spielbälle des Kriegsgeschehens sind - und über allem der heldenhafte Arzt. Nur kein Reflektieren über Kriegsursachen! Auch das mag dem Umgang mit der eigenen Vergangenheit entspringen: Konsalik war der Hitler-Jugend beigetreten und hatte für die Gestapo gearbeitet. Wo beginnt Schuld überhaupt?

Konsalik ist nicht der Einzige, der sich um eine Aufarbeitung drückt. Bei ihm aber orten Kritiker Sexismus und autoritäres Gehabe. Daran kann man ein Vernichtungsurteil festmachen, wobei man übersieht, dass Konsalik mit dieser Literatur nur der Seismograph des bundesdeutschen Nachkriegs-Lebensgefühls einer Mehrheit der Bevölkerung ist. Sie kann Konsalik lesen, ohne über die eigene Rolle in Vergangenheit und Gegenwart nachzudenken.

Konsalik freilich bleibt nicht bei Arzt- und Kriegsromanen stehen. Er schreibt Liebesromane, Familiengeschichten, historische Romane, Agententhriller, Krimis, Abenteuerromane. Rasputin, Zaren und Rennpferde, Indios und Flussschiffer, Anwälte, Terroristen, Journalisten, Archäologen und eine Wunderheilerin bevölkern seine Romane. St. Petersburg, der Regenwald, Schiffe, Paris, Mexiko, antike Ruinen, die Transsib, die afrikanische Steppe - die Konsalik-Welt umfasst den ganzen Erdkreis. Wie Karl May und Jules Verne erschreibt sich Konsalik einen großen Teil der Handlungsorte auf der Basis flüchtiger Recherchen aus der Fantasie heraus.

Der "grausame Russe"

Russland fasziniert ihn. Er kennt das Land und seine Menschen freilich nur aus seinen Kriegserlebnissen. Erst 1987 erhält er die zuvor wegen des "Arzt von Stalingrad" verweigerte Einreiseerlaubnis in die Sowjetunion. Aber selbst diese Liebe ist klischeebehaftet. In einem Interview mit dem deutschen Journalisten André Müller sagt Konsalik: "Jedes dieser Bücher ist eine Liebeserklärung an Russland. Der russische Mensch ist seinem Wesen nach grausam. Ein Boris Godunow oder ein Iwan der Schreckliche wären im westlichen Kulturkreis gar nicht möglich gewesen."

Dass der westliche Kulturkreis zu einem industriellen Mord an sechs Millionen Juden fähig war, blendet er ebenso aus wie die Bedenkenlosigkeit, mit denen er seine Russen-Klischees von den grobschlächtigen Männern und den liebeshungrigen Frauen mit stets großen Brüsten kolportiert. Immerhin hatte er 1952 einen Porno geschrieben: "Warum hast du das getan, Manon?" steht wegen der exzessiven Schilderungen von Geschlechtsakten bis heute auf dem Index der jugendgefährdenden Schriften.

Konsalik ist der Hans Dampf in sämtlichen Genres der Trivialliteratur. Für jeden Geschmack gibt es einen Konsalik-Roman. Einen? - Mindestens ein halbes Dutzend. Er macht richtig Geld damit: Drei luxuriöse Villen und Pferdeställe besitzt er. Noch in den 80er Jahren verkauft er pro Jahr rund 3,2 Millionen Romane weltweit. Als den 75-Jährigen ein Finanzberater um 9 Millionen DM (rund 4,6 Millionen Euro) betrügt und Konsalik dabei obendrein die Rechte an seinen Büchern verliert, steckt er das weg - und macht den Verlust mit Einnahmen aus seinen neuen Büchern wett.

Die letzten sieben Jahre seines Lebens verbringt Konsalik in Salzburg. Er hat sich von seiner Ehefrau getrennt und lebt mit der 44 Jahre jüngeren Chinesin Ke Gao zusammen.

Vermutungen, er habe in dieser Zeit Ghostwriter beschäftigt, dementierte Konsaliks Tochter, die Verlegerin Dagmar Stecher-Konsalik. Zu ihrem Vater hat sie laut dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" einmal gesagt: "Ich muss den ganzen Schrott herausbringen, den Du schreibst."

Am 2. Oktober 1999 stirbt Heinz G. Konsalik in Salzburg. Kaum einer seiner Romane überlebt. Dennoch sollte man sie von Zeit zu Zeit lesen - nicht, weil es bedeutende Literatur wäre, sondern weil sie die deutsche und wohl auch österreichische Volksseele zu einer bestimmten Zeit bezeugen. Es mag ein unfreiwilliger Verdienst sein. Aber auf freiwillig oder unfreiwillig kommt es dabei nicht an.