Mit 80 Jahren gewann Helga Schubert den Ingeborg-Bachmann-Preis. In ihrem autobiografischen Werk "Vom Aufstehen", erzählt sie nun in kurzen Geschichten von einem bewegten Leben, wirft poetische Schlaglichter, die von einer Kriegs- und Flüchtlingskindheit erzählen und von dem widerständigen Leben hinter dem Eisernen Vorhang. Die "Wiener Zeitung" sprach mit der preisgekrönten Schriftstellerin über das späte Glück, Verletzung und Heilung und DDR-Repressalien.

"Wiener Zeitung": Ihr jüngstes Werk, die Autobiografie "Vom Aufstehen", ist für den Leipziger Buchpreis nominiert. Haben Sie damit gerechnet?

Helga Schubert: Von meinem Verlag hatte ich schon vor dem Erscheinen lobende Rückmeldung erhalten. Gleichzeitig registrierte ich mit zunehmender Verwunderung und Freude das Interesse an einstündigen Literatursendungen mit mir, auch aus Österreich und der Schweiz. Ich wusste, dass mein Buch zu den hunderten zum Buchpreis eingereichten Titeln gehört. Dass es von der Jury zu den besten fünf gezählt wird, hielt ich aufgrund dieser vorherigen Resonanz für möglich.

Was schätzen Sie am Genre der Kurzgeschichten?

Die Durchsichtigkeit, die Übersichtlichkeit, das Schreiben auf den letzten Satz hin. Und nicht zuletzt die Kontrolle, die ich dadurch über den Text habe.

Worin liegt für Sie die größte Herausforderung beim Schreiben?

Mir ohne ein schlechtes Gewissen Zeit und Rückzug für einige Stunden Konzentration zu schaffen. Ich schreibe hauptsächlich nachts, da habe ich Ruhe und weiß meinen pflegebedürftigen Mann versorgt. Da kann ich ausatmen.

Warum haben Sie Ihr Schreiben einmal als eine Art Bildhauerei bezeichnet?

Weil das Material überall vorhanden ist. Und weil man die Erzählung wie eine Plastik aus vielen Gesichtspunkten betrachten kann, sie darf nicht einseitig sein. Bildhauer drehen ihr Werk auf einer Scheibe oder gehen herum. Ich möchte mit diesem Vergleich auf das Handwerk beim Schreiben aufmerksam machen.

Was hat Ihr Schreiben mit Ihrem Beruf als Psychologin zu tun?

Ich habe schon als junge Frau in für mich bis dahin unvorstellbare Abgründe geblickt. Das wird mich für immer davor bewahren, Kitsch zu schreiben.

Sie schreiben über Ihre komplexe Beziehung zu Ihrer Mutter, die es als Heldentat bezeichnete, Sie nicht abgetrieben zu haben?

Ich habe sie sehr geliebt. Alles Schreckliche hat sie mir erst nach und nach erzählt, schon als Kind ist bei uns eine Umkehr des Mutter-Kind-Verhältnisses eingetreten. Ich sah sie als hilfsbedürftig an und fühlte mich noch bis kurz vor ihrem Tod verantwortlich, für ihre Grundbedürfnisse zu sorgen - Intensivstation, Sauerstoff, Elektrolyte, Morphium.

Wie kann man mit einer Mutter leben, die keine Liebe zeigt?

Wer aufgrund glücklicher Umstände früh auch nur einen Menschen findet, es kann die Großmutter sein wie bei mir, der einen emotional annimmt, dem gelingt es trotzdem, als Erwachsener glücklich zu leben.

Der Text, mit dem Sie 2020 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewannen, handelt von Ihrer Mutter. Wie kam es zur literarischen Aufarbeitung dieser Beziehung?

Ich schloss noch zu Lebzeiten Frieden mit ihr. Erst aufgrund der Einladung nahm ich mir vor, die wichtigste Geschichte meines Lebens zu schreiben - nicht vorwurfsvoll, sondern gerecht, befreit von Drohungen. "Gott verlangt von uns nicht, dass wir unsere Eltern lieben. Wir brauchen Sie nur zu ehren", heißt es an einer Stelle.

Dass Ihr Vater im Krieg fiel, bezeichnen Sie als eines Ihrer Traumata.

Er wurde mir sehr positiv dargestellt, als liebevoll und heiter. Dadurch bekam ich ein ungestörtes Männerbild.

Sie sind 1980 schon einmal zum Bachmann-Wettbewerb eingeladen worden, durften aber aus der DDR nicht ausreisen. Wäre Ihr Leben anders verlaufen, wenn Sie den Preis damals gewonnen hätten?

Selbstverständlich hätte mich das als Schriftstellerin ermutigt. Zwei Jahre später durfte ich auch den Hans-Fallada-Preis nicht annehmen. Denn sonst wäre mein Buch "Blickwinkel" in der DDR nicht erschienen. Diesmal durfte ich nicht ausreisen, weil Erich Loest Vorjahrespreisträger war und die Laudatio halten sollte, der in der DDR im Gefängnis gewesen war. Ich sollte ablehnen und habe erneut gesagt, ich stehe unter juristischem Druck und kann den Preis nicht annehmen. Wenn sie den Fallada-Preis annimmt, kann sie gleich im Westen bleiben, hatte mir die Kulturabteilung des ZK der SED damals ausrichten lassen. Dann wäre mir es so wie Wolf Biermann gegangen, aber ich wollte mich nicht von meiner Familie trennen. Ich war seit 1976 in zweiter Ehe verheiratet, ich liebte meinen Mann. Sollte ich jetzt allein in den Westen gehen? Mein Leben wäre also nicht grundlegend anders verlaufen.

Wie sind Sie in der DDR angeeckt?

Ich bin von 1976 bis 1989 vom Ministerium für Staatssicherheit observiert worden mit dem Verdacht der staatsgefährdenden Hetze und Diversion. Es gab dafür zwei Gründe: Ich beteiligte mich in einer Gruppe mit Ulrich Plenzdorf und Stefan Heym an einer von uns redigierten Berlin-Anthologie, die wir selbst vervielfältigen. Die SED befürchtete etwas Ähnliches wie in Prag und Warschau: dass Autoren damit die Zensurbehörde unterlaufen. Alles musste ja eine Druckgenehmigungsnummer haben. Ich zog meinen Beitrag trotz Verwarnung nicht zurück. Unabhängig davon hatte ich mich an einer Einladungsanthologie des Schriftstellerverbandes der DDR unter dem Titel "Mein Erlebnis Partei" beteiligt mit einem Text "Frühere Standpunkte", der sich über die SED lustig machte. In der Folge erhielt mein nächster Erzählungsband "Das verbotene Zimmer" keine Druckgenehmigung.

Haben Sie geahnt, dass Sie 13 Jahre unter Beobachtung standen?

Meine Post war geöffnet, das Gummierte krümelte, mein Telefon tickte wie eine Wanduhr, Leute, denen ich nicht vertraute, wollten in unsere Wohnung, um uns angeblich den neuesten "Spiegel" zu bringen - mir war klar, dass wir in einem Überwachungsstaat lebten.

Vor über zehn Jahren sind Sie aus Berlin nach Neu Meteln gezogen, bekannt als Künstlerkolonie Drispeth, wo in den 1970er Jahren etwa Christa und Gerhard Wolf lebten. Vermissen Sie die Großstadt?

Christa und Gerhard Wolf holten uns 1975 her. Weil wir in Berlin arbeiteten, mein Mann an der Uni und ich in der Klinik, waren wir vorerst nur in den Ferien hier. Erst seitdem mein Mann so krank ist, sehe ich die Vorteile. Ich kann meine Situation jetzt nicht ändern und bin kein Jammertyp.

Ihr Mann ist pflegebedürftig und auch Ihr Sohn ist schwer krank. Woher nehmen Sie die Kraft, dieses Schicksal zu meistern?

Ich liebe beide von Herzen. Für meinen 94-jährigen herzkranken Mann habe ich die volle Verantwortung in der häuslichen Pflege übernommen. Mein 60-jähriger Sohn lebt in einer liebevollen Ehe, vor vier Jahren bekam er aus heiterem Himmel die Diagnose Parkinson. Der liebe Gott gibt einem nur so viel zu tragen, wie man tragen kann. Das habe ich erfahren, das gibt mir Zuversicht und Kraft. Ich fühle mich geliebt und geborgen.