"Schwappt durchs Maul mir Schwindsucht in die Lungen - / ach dies Wanderlied ist schon gesungen. / Reißt der Sturm mir das Gesicht vom Kopfe, / schlüpf ich, munter sinkend, in der Mutter Erd hinunter -"

Was für ein Aufruhr in den paar Zeilen, und was treibt dieses lyrische Ich um und an, das von tödlichen Keimen überschwemmt und vom Sturm des Lebens buchstäblich auseinandergenommen "munter sinkend" (und singend) ins Grab hinunter schlüpft? Drastisch und dabei fast karnevalistisch mutet sie an, Julian Schuttings "Winterreise, Wilhelm Müller nachempfunden", mit der der 83-Jährige seinen jüngsten Gedichtband eröffnet.

"ach dies Wanderlied ist schon gesungen" - wohl auf kein anderes Werk trifft dies mehr zu als auf Wilhelm Müllers 1823/24 erschienenen zweiteiligen Zyklus der "Winterreise"-Gedichte, die in der Vertonung Franz Schuberts zum Inbegriff romantischer Volkslied-Dichtung wurden. Sie scheinen nicht zu altern, diese immer wieder neu gedeuteten und aufbereiteten Lieder, die von Heimatlosigkeit, Liebesleid und Todessehnsucht handeln und deren Verfasser, der Dichter wie der Komponist, beide in ihren frühen Dreißigern verstarben.

Dem Tod so nah

Neben den romantischen Topoi, die hier durchaus genretypisch aufgeboten wurden, ist den Liedern noch ein anderer, ein gleichsam knochentrockener Kern eingeschrieben: Du magst dich winden und mühen, magst lieben, hoffen, klagen oder jubilieren, am Ende kassiert dich der Tod. Und dieses Ende ist in Müllers Dichtung immer nur einen Vers weit entfernt, ihre so einprägsame Tonart bemisst sich, auch in den munteren, volksliedhaften Passagen, immer an solcher Fallhöhe.

Eben hier setzt Julian Schuttings Nachdichtung an, indem sie den vertrauten (wie sakrosankten) Bild- und Klangraum der "Winterreise" umpflügt und aufraut und so der romantischen Kennmelodie dissonante, zornige, mitunter auch flapsige Töne entlockt. Hier werden keine Rücksichten genommen, weder schonend noch einfühlend noch ehrfurchtsvoll ist diese Annäherung an das Original; sie gleicht eher einem Aufbrechen und Hineinkriechen in den sprachlichen Unterbau der Vorlage, von wo aus Schutting sein eigenes Delir, seine eigene grimmige "Winterreise" hinausschrei(b)t.

- © Otto Müller Verlag
© Otto Müller Verlag

Manchmal klingt das auch komisch, so als wäre hier ein "greiser Leiermann zugestopfter Ohren" zugange, der seine "Liebeslieder hastig herunterkurbelt", sodass ihm alles, von der Syntax bis zu Herz, Schmerz und Sinn, durcheinandergerät: "Die Abend- wie die Morgenpost ans Herz mir Rührendes / hat wieder nichts für mich? wieso Thurn-retour-Taxis / mir nicht hat überbracht mir nicht geschrieben Brief - / weil mir nicht zugedacht?" Ans Herz rührend, das ist auch der in einer Endlosschleife unerwiderter Gefühle sich verheddernde Liebende (eigentlich ein Typus der Barockdichtung), der in doppelten Verneinungen um die bittere Wahrheit sich herumzudrücken sucht.

Auch im zweiten, mit "Nachsommer" übertitelten umfangreicheren Teil des Bandes begegnet das Motiv unerwiderter und unvergessener Liebe; zugleich wird das Ambiente persönlicher, autobiographische Kennmarken und Nachbilder tauchen auf, werden zum Ausgangspunkt für mitunter wehmütige Beschwörungen. Hier verortet sich einer zwischen Natur und Kunst, zwischen innig Erlebtem, (Auf-)Gelesenem und Reflektiertem. Schuttings Gedichte sind durchzogen von Rissen und Nebengeräuschen, oft nehmen sie syntaktisch verquere Abzweigungen hin zu sprachlichen Erkundungen, oder es hagelt saloppe Einwürfe von der Seite her: "Wie lange schon tot, woher soll ich das wissen", heißt es geradezu forsch über die "einzig / wirklich Geliebte".

Stetig fortschreiten

Im zweiten Teil des Bandes legt der Autor ein ganzes Netz an literarischen Referenzen aus, von Homer und Vergil über Gryphius, Hölderlin, Heine, Shelley, Baudelaire bis herauf zur Gegenwart. Die lyrische Tonart wechselt, doch ist fast allen Gedichten eine mäandernde Bewegung eigen, sie scheinen sich aus sich selbst heraus fortzusetzen, so wie der Autor an einer Stelle das Glück des ziel- und absichtslosen Gehens beschreibt. Ausschreiten und Schreiben, ein für den Dichter Julian Schutting essenzieller und existenzieller Zusammenhang, auf den auch Gerhard Zeillinger in seinem kundigen Nachwort verweist.

Da ist es nur naheliegend, wenn in "Frisch gestorben" das lyrische Ich auf einer seiner täglichen Wanderungen "Kahlenbergwärts" dem eigenen "Nachbild" begegnet; dass es nicht mehr unter den Lebenden weilt, dämmert ihm da erst langsam, während es wie ein Schlafwandler einfach weitergegangen ist. Selbst um letzte Dinge kreisend hält die Sprache bei Schutting immer noch Schlupflöcher offen; und so vermag der Dichter in einem finalen "Nachtgebet" sogar den eigenen "auf iter, itineris und ver, veris reimende[n] Kadaver" zu besingen. Chapeau, kann man da nur sagen.