Die einstmals so stolze, so unantastbare Gattung der Lyrik führt heutzutage bekanntlich nur noch eine prekäre Randexistenz. Das sollte selbst jenen, die sich nicht für Gedichte interessieren, nicht egal sein. Was der Poesie heute fehlt, sind Lyriker, die die Dichtung wieder ins literarische Gespräch führen können. Die Zeiten eines Stefan George, eines Gottfried Benn, eines Paul Celan jedoch sind lange schon vorbei.

Insofern ist es zu begrüßen, dass die Lyrik dank des Büchnerpreises für Jan Wagner in den letzten Jahren einen Aufmerksamkeitsschub erfahren hat. Dass die Zugänglichkeit und mediale Vermarktbarkeit von Dichtung der Preis ist, den die Poesie für ihre Wahrnehmung zu zahlen hat, ist unseren traurigen Zeitläuften und nicht der Gattung selbst geschuldet. Der Hype um das Inaugurations-Gedicht von Amanda Gorman samt den wahrhaft skandalösen Vorgängen um dessen Übersetzung zeigen dies mehr als überdeutlich.

- © Hanser Berlin
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Dass ausgerechnet Wagner eingeladen wurde, im Rahmen einer Poetikprofessur 2020/21 an der Universität Bamberg vier Vorträge zu halten, kann das Profil der Lyrik im gegenwärtigen Literaturbetrieb daher nur schärfen. Er widmete seine Poetikvorlesungen, die man in "Der glückliche Augenblick" nachlesen kann, vier ihm wichtigen europäischen Dichtern aus den vier Himmelsrichtungen: Dylan Thomas, Inger Christensen, Zbigniew Herbert und Eugenio Montale. Interessant und faszinierend, was Wagner als Kollege über deren Leben und Werk sowie den kulturellen und historischen Kontext ihres Schaffens zu sagen hat, um zugleich aufschlussreiche Verbindungslinien zu seinem Dichten herzustellen.

Allerdings stutzt man gelegentlich - etwa wenn Thomas, der sich vor seinem 40. Lebensjahr zu Tode soff, von Wagner unter die literarisch Frühvollendeten eingeordnet wird. Eher scheint es so, als ob der Poetikprofessor dem Geschäft des allgemein als langweilig geltenden Verseschmiedens mit Hilfe eines genialen Alkoholkranken den Anruch des Wilden, Ungezügelten geben möchte, dabei aber übersieht, dass die für Thomas tödliche Trinksucht eine persönliche Tragödie darstellt, unter der sicher auch Personen in seinem Umfeld leiden mussten.

Betrachtet man aber die anderen, zumeist als Bedarfstexte entstandenen Prosastücke dieses Bandes, so beschleicht einen immer wieder das ungute Gefühl, dass die Lyrik strukturell doch ein bildungsbürgerliches Pläsir ist und bleibt. Reist Wagner etwa auf Einladung des Goethe-Instituts nach Vietnam, so vergleicht er dessen Schwüle mit einem "maßgeschneiderten Londoner Anzug aus der Savile Row, in einem Stoff, der mit britischer Eleganz und Leichtigkeit getragen sein will".

So gelungen seine beiden längeren Reiseessays über Vietnam und den Iran sind, kann nicht übersehen werden, dass die Welt darin aus jener abgehobenen Perspektive wahrgenommen wird, die auch Wagners Räsonnement im Essay über seinen Reisepass und dessen Stempel aus aller Herren Länder, die ihn als kosmopolitischen Globetrotter ausweisen, prägt. Doch sieht er seine Privilegierung selbst kritisch und vielleicht sind solche Vorrechte unabdingbar, will man Erfahrungen und Beobachtungen sprachlich raffiniert in Poesie verwandeln, anstatt politische Manifeste zu schreiben.

Unzweifelhaft ist Wagner da, wo er etwa gelehrt über die Quitten bei Hölderlin, die Nachtigall bei Goethe, aber auch die ausgestorbene Seekuh bei Heinrich Detering schreibt, dichter dran an etwas, von dem er viel versteht. Gut daher, dass die meisten Texte in "Der glückliche Augenblick" anderen, zumeist zeitgenössischen Lyrikern gelten, über deren Werk Wagner lesenswerte Dinge zu sagen hat. So wird sein Band zu einem Plädoyer für eine Gattung, die nie wieder zu einem Leitmedium avancieren wird.