Man mag es sich gar nicht vorstellen, wie das gewesen sein muss, als da fernab der Zivilisation irgendwo in den Bergen von Kamtschatka plötzlich dieser Bär auftaucht und sofort zum Angriff übergeht. Mit letzter, verzweifelter Kraft gelingt es Nastassja Martin irgendwie, das Tier mit ihrem Eispickel zu verletzen und in die Flucht zu schlagen.

Und doch wird sie dieses schreckliche Erlebnis von nun an nie mehr verlassen. Sie wird für immer denken "an den Kuss des Bären, an seine Zähne, die sich über mein Gesicht schließen, an meinen krachenden Kiefer, meinen krachenden Schädel, an die Dunkelheit, die in seinem Maul herrscht, an seine feuchte Wärme und seinen stark riechenden Atem, an das Nachlassen des Drucks seiner Zähne, an meinen Bären, der es sich plötzlich auf unerklärliche Weise anders überlegt, seine Zähne werden nicht die Werkzeuge meines Todes sein, er wird mich nicht verschlingen."

Schwerst verletzt

Die Anthropologin bleibt schwer gezeichnet zurück, das rechte Jochbein ist zertrümmert, ein Teil des Kiefers fehlt, dazu kommen jede Menge anderer Verletzungen. Damit beginnt der eine Teil der Heilungsgeschichte.

Russische und dann französische Chirurgen sorgen in zahlreichen Operationen dafür, dass die äußeren Wunden dieser Begegnung schmerzhaft langsam verschwinden. Eindringlich schildert Martin die quälende Rekonvaleszenz, die Schläuche im Hals, das Vernähen der Wunden, das Morphium, das Erschrecken über das entstellte Gesicht. Doch noch wichtiger ist der zweite Teil der Traumabewältigung. Denn Martin weiß genau: "Wenn ich davonkomme, wird es ein anderes Leben sein."

- © Matthes & Seitz
© Matthes & Seitz

Das Ereignis, das sich an diesem 25. August 2015 abgespielt hat, lautet nicht: Wildes Tier greift Anthropologin an, Frau wird Opfer einer Bestie. "Das Ereignis ist: Ein Bär und eine Frau begegnen sich und die Grenzen zwischen den Welten implodieren. Nicht nur die physischen Grenzen zwischen einem Menschen und einem Tier, die bei ihrem Zusammenstoß Breschen in ihrem Körper und ihrem Kopf aufreißen."

Um diese nicht-körperlichen Wunden zu heilen, reist Martin, sobald es geht, wieder zurück an den Ort des Geschehens, zum Volk der Ewenen, das sie über Monate erforscht hat und das ihr nun den Weg in ihre neue Identität weist. Denn für diese Nomaden ist Martin jetzt eine "miedka", was bedeutet: "vom Bären gezeichnet". Sie ist fortan halb Mensch, halb Bär, eine Art Zwischenwesen, das eine Metamorphose erfahren hat. "Ich habe meinen Platz verloren, ich suche ein Dazwischen. Einen Ort, um mich wiederherzustellen. Dieser Rückzug soll der Seele helfen, sich zu erholen. Denn man wird sie ja doch bauen müssen, diese Brücken und Tore zwischen den Welten."

Nastassja Martin. - © Philippe Bretelle et Gallimard
Nastassja Martin. - © Philippe Bretelle et Gallimard

Hilfreich ist dabei das Weltbild der Ewenen. Sie sind Animisten, das heißt, sie sprechen allen Objekten der Natur - Tieren, Pflanzen, aber auch Steinen, Bächen und Bergen - eine Seele oder einen ihnen innewohnenden Geist zu. Der Mensch steht nicht über anderen Lebewesen, er ist nicht die Krone der Schöpfung, sondern ein Mitgeschöpf. Im Falle Martins bedeutet das: Sie muss dem Bären vergeben, um Heilung zu erfahren.

Die lebenskluge Darja aus der Ewenen-Familie, die Martin bei sich aufgenommen hat, geht sogar noch weiter: "Manchmal machen bestimmte Tiere den Menschen Geschenke. Wenn sie sich gut verhalten haben, wenn sie ihr Leben lang gut zugehört haben, wenn sie nicht zu viele schlechte Gedanken genährt haben. Sie senkt den Blick, seufzt leise, hebt den Kopf und lächelt wieder: Du bist das Geschenk, das die Bären uns gemacht haben, indem sie dich am Leben gelassen haben."

Über eine Grenze

"An das Wilde glauben" ist kein ethnologischer Bericht über eine Feldforschung in den Weiten Sibiriens, sondern die eindringliche Schilderung einer Grenzüberschreitung: Die Anthropologin erkundet sich selbst und ihr Verhältnis zur Welt, und zwar, indem sie jegliche Distanz gegenüber ihrem Forschungsgegenstand überwindet. Ja, sie wird Teil dieser anderen Welt und des Naturverständnisses, das dort vorherrscht.

Das heißt auch: Beim Lesen bedarf es einer gewissen Bereitschaft, sich auf dieses Eintauchen ins (im Wortsinne) Meta-Physische, in ein anderes, fremd anmutendes Denken jenseits gängiger Muster einzulassen. Es lohnt sich, denn dieses feinsinnig übersetzte Buch schafft, was wahre Literatur auszeichnet: Als Leserin, als Leser hat man am Ende selbst eine Metamorphose erlebt und sieht die Welt fortan mit anderen Augen.