Die österreichische Dichterin Friederike Mayröcker ist am heutigen Freitag im Alter von 96 Jahren in Wien gestorben.

Wer jemals Lyrik gelesen hat, hält den Atem an. Der 4. Juni 2021 bedeutet einen Einschnitt in der deutschsprachigen Literatur. Eine ihrer größten Sprachmagierinnen hat ihre Zaubersachen des Wortes für immer zur Seite gelegt.

Friederike Mayröcker, 20. Dezember 1924 in Wien geboren, war von Beruf Englischlehrerin und von Berufung eine Dichterin. Und sie war eine Dichterin, wie es in der Literaturgeschichte wenige gab. Stellt man sie in die Reihe Sappho – Kathleen Raine – Else Lasker-Schüler, dann signalisiert das bereits ein Bewusstsein für das Wort als Klang, als Magie.

Das Gedicht dringt bei Friederike Mayröcker vor in Bereiche der unbewussten Wahrnehmung, der Beschwörung, des Wortes als sinnliche Erfahrung. In einem Interview sagte sie: "Ich lebe in Bildern. Ich sehe alles in Bildern, meine ganze Vergangenheit, Erinnerungen sind Bilder. Ich mache die Bilder zu Sprache, indem ich ganz hineinsteige in das Bild. Ich steige solange hinein, bis es Sprache wird."

Ein "anderer Zustand"

"Es ist ein total anderer Zustand, es ist fast, wie wenn ich eine Droge nehmen würde. Ich trinke aber weder Alkohol, noch rauche ich. Es ist ein magischer Zustand", sagte sie über ihr Schreiben. Das Schreiben als magischer Prozess, in dem das Bewusstsein eine andere Sphäre erreicht? "Ich glaube an den Heiligen Geist, der an der Inspiration, der Erleuchtung mitwirkt", sagte die Dichterin.

Hans Weigel, Kritiker und vitalster Helfer junger literarischer Talente im Österreich der Nachkriegszeit, nahm sich ebenso ihrer an wie der Dichter Otto Basil, der die Zeitschrift "Plan" herausgab. Andreas Okopenko, Dichter auch er, entdeckte sie für die Zeitschrift "Neue Wege" und brachte sie in Kontakt mit der Wiener Gruppe um H. C. Artmann und Gerhard Rühm. 1954 lernte Friederike Mayröcker ihren Dichter-Kollegen Ernst Jandl kennen, mit dem sie bis zu dessen Tod im Jahr 2000 zusammenlebte. 1969 ließ sich Friederike Mayröcker als Lehrerin karenzieren und 1977 frühpensionieren, um ihrer schriftstellerischen Arbeit ungehindert nachgehen zu können.

Friederike Mayröcker hat, trotz des neo-dadaistischen Umfelds, in dem sie in ihren Anfängen literarisch sozialisiert war, die Sprachzertrümmerung und Laut-Gestik nie mitvollzogen. H. C. Artmann, Ernst Jandl, Andreas Okopenko und viele andere wollten, zeitweise mit der Brechstange des Zertrümmerns von Sätzen und Worten eine neue Dichtung schaffen. Friederike Mayröcker nützte das Experimentieren lediglich, um sich einen überbordenden Wortschatz anzueignen. Aber nicht einmal die Kleinschreibung, in dieser Zeit ein Zeichen des Bekenntnisses zu neuen Wegen, vollzog sie mit. Als einzige orthografische Eigenheiten fallen kleingeschriebene Satzanfänge auf (als würden die Sätze nicht beginnen, sondern lediglich ein Ausschnitt aus einem Strom von Worten niedergeschrieben werden) und die Schreibung von "sz" statt "ß".

Lumpensammlerin der Sätze

Von Anfang an verstand sie Dichtung als ein Ver-Dichten von Gedanken, von Atmosphäre. Zärtliches, Abgründiges und kitschfrei Schönes stehen nebeneinander, verfließen ineinander. Ihre Arbeitsweise beruhte auf Zettelkästen und Montagen. "Ich habe Berge von Material, soviel, dass ich es in meinem Leben nicht mehr aufarbeiten kann", sagte sie in einem Interview, und: "Wie eine Lumpensammlerin notiere ich Sätze und Wörter, die ich oft auch völlig überarbeite."

Friederike Mayröcker in ihrer Wiener Wohnung.  - © APA / Techt Hans Klaus
Friederike Mayröcker in ihrer Wiener Wohnung.  - © APA / Techt Hans Klaus

Die Person Friederike Mayröcker: kaum fassbar. Stets war sie schwarz gekleidet – und doch ging ein Leuchten von ihr aus. Ihrem Charisma konnte man sich nicht verweigern. Ein Nachmittagskaffee im Café Museum wurde zu etwas Besonderem allein durch die Anwesenheit dieser Frau, die in die Welt schaute, auf die Welt schaute, mit einem Blick, in dem sich Forschen mit Wissen und der Freude am Schauen selbst verband. Die Person selbst aber: nahezu anonym, existent allein in der Sprache. So ist ihre Prosa zu lesen: Was autobiographisch scheint, ist Poesie, Leben und Werk sind deckungsgleich. Als würde nicht die Person Friederike Mayröcker die Sprache erschaffen, sondern, umgekehrt, die Sprache die Person Friederike Mayröcker. Welch seltsame Verkehrung in einer Zeit der Eitelkeiten und Personenkulte.

In einem Interview mit dem "Falter" bekannte Friederike Mayröcker ihre Haltung zum Tod: "Ich hasse ihn. Canetti hat ihn auch gehasst. Ich kann es nicht begreifen, dass man abtreten muss. Es ist einfach furchtbar." Als hätte sie um ihr Leben geschrieben. Doch was sie geschrieben hat, wird den Tod der Dichterin überleben. Friederike Mayröcker wird weiterleben in ihrem Werk. Diese Gewissheit ist es, die einzig am heutigen Tag Trost spendet.