Diese Ausstellung zum 100. Geburtstag von H. C. Artmann ist eine Blamage. Sie sollte so nicht stattfinden. Man sollte sie überarbeiten und vor allem erweitern. Vier Schaukästen zum Thema H. Artmann, in einem kleinen Zimmer - das springt einem als Alibi-Aktion in die Augen. Nicht alles kann mit Corona erklärt werden – wobei es naturgemäß schon eine Rolle spielt: Etwas Großes planen, das man dann eventuell absagen muss, ist halt keine Motivation. Soweit verständlich.

Dennoch: So geht es nicht.

So geht es auch dann nicht, wenn man sich auf Artmanns Reisen beschränkt.

H. C. Artmann und Helmut Qualtinger auf einer Lesereise in den USA - ein Aquarell von unbekannter Hand. - © WBR / Nachlass Helmut Qualtinger
H. C. Artmann und Helmut Qualtinger auf einer Lesereise in den USA - ein Aquarell von unbekannter Hand. - © WBR / Nachlass Helmut Qualtinger

Es liegt nicht an den Kuratoren Marcel Atze und Gerhard Hubmann. Beide sind hervorragende Artmannianer. Sie haben in vier Schaukästen von Artmanns Reisen dokumentiert, was man in vier Schaukästen an Artmanns Reisen dokumentieren kann: von den zwangsweisen seiner Zeit in der Wehrmacht bis hin zu den Reisen mit selbstgewählten Zielen, die oft an den Enden der Welt liegen. Ansichtskarten, literarische Querverbindungen, auch Reisen in Sprachen mit Wörterbüchern als Reiseführer liegen in drei der vier Schaukästen.

Akribisch notierte Artmann auf den Vorsatzseiten, wann und wo er sich mit ihnen beschäftigt hatte. Man könnte danach eine Karte mit seinen Reisen erstellen. Man hat es unterlassen. Vielleicht hätte es dazu eines fünften Schaukastens oder gar einer Wandkarte bedurft. Man hätte Text für Text Artmanns Assoziationsketten vom geografischen Erlebnis zum literarischen Ergebnis spannen können. Man hat aber nicht.

H. C. Artmann fühlte sich von Orten an der Peripherie der Welt angezogen, etwa von den Aran-Inseln. - © Barbara Wehr / WBR / Sammlung H. C. Artmann
H. C. Artmann fühlte sich von Orten an der Peripherie der Welt angezogen, etwa von den Aran-Inseln. - © Barbara Wehr / WBR / Sammlung H. C. Artmann

Der Dichter als Luftschiffer

H. C. Artmann, einer der wichtigsten Dichter nach 1945, prägend durch seine Werke und durch seine Ästhetik des "poetischen Acts", wird von der Stadt, die ihm die Adelung ihres Dialekts durch die Gedichte "med ana schwoazzn dintn" verdankt, in vier Schaukästen abgehandelt, als wäre man vor ein paar Wochen draufgekommen, dass man vier gerade in keiner anderweitigen Verwendung befindliche Schaukästen irgendwie mit Artmanniana befüllen könnte. Wer vermag denn schon zu ahnen, dass ein 1921 geborener Dichter 2021 einen hundertsten Geburtstag hat?

So wirkt diese Ausstellung.

Dass Interessantes aufblitzt? – Gewiss. Marcel Atze und Gerhard Hubmann sind eben, selbst in der Beschränkung auf vier Schaukästen, hervorragende Artmannianer.

Kuriosum eins: Die "Nachrichten aus Nord und Süd" in interpunktiertem Typoskript. Der punkt- und beistrichlose Satz der Druckausgabe – eine modernistische Oberfläche? Oder ist die Interpunktion eine Hilfe für den Autor, der sonst den Überblick über den Gedankenstrom verliert?

Kuriosum zwei: Artmann, der Luftschiffer. Erst schrieb er als Reaktion auf seine Jules-Verne-Lektüre den Roman "Der aeronautische Sindtbart", dann, Jahre später, begab er sich selbst auf eine einstündige Freiballonfahrt.

H. C. Artmann gestaltete eine dichterische Ballonfahrt im Roman "Der aeronautische Sindtbart" und unternahm Jahre später selbst eine Fahrt im Freiballon, wovon dieses "Taufdokument" zeugt. - © WBR / HS / Nachlass H. C. Artmann
H. C. Artmann gestaltete eine dichterische Ballonfahrt im Roman "Der aeronautische Sindtbart" und unternahm Jahre später selbst eine Fahrt im Freiballon, wovon dieses "Taufdokument" zeugt. - © WBR / HS / Nachlass H. C. Artmann

Faszinierend zu sehen: Akribisch klare Manuskripte, fehlerlose Typoskripte. Welch befremdliche Schere öffnet sich zwischen dieser Sorgfalt und der Sorglosigkeit im Umgang mit den Manuskripten, die an Artmanns Wohnorten in aller Welt bei Freunden, Vermietern, Zimmerwirten und Hausmeistern verstreut sind.

Macht drei Schaukästen.

Der vierte Schaukasten bietet Videos zum Thema Artmann und das Reisen und Artmann und sein Freund und Schriftstellerkollege Peter Rosei.

Vier Schaukästen der Stadt Wien zum 100. Geburtstag von H. C. Artmann.

Immerhin.

Es hätten ja auch nur drei sein können. Oder eine Kunstinstallation in einem Amtszimmer, das aus Gründen von Corona für die Öffentlichkeit gesperrt ist.