Der Milena-Verlag, bekannt für bunte Gegenwartsliteratur, holt in seiner Klassiker-Reihe immer wieder beinahe vergessene Autorinnen und Autoren vor den Vorhang. Eine dieser Schriftstellerinnen ist Annemarie Selinko. Die Österreicherin (1914-1986) schrieb zahlreiche Bestseller, welche in den Nachkriegsjahren auch erfolgreich verfilmt wurden. Nach "Heute heiratet mein Mann" und "Ich war ein hässliches Mädchen" bringt Milena nun "Morgen ist alles besser" heraus, erstmals erschienen 1938 als zweiter Roman der Autorin.

Das Thema ist typisch für die Frauen-Unterhaltungsliteratur der 1930er bis 50er Jahre: Ein junges Mädchen wandelt sich vom unscheinbaren Entlein zum prachtvollen Schwan. Anfangs ein schüchternes Waisenkind, ist Toni Huber am Schluss wohlhabend und verlobt. Auch in dieser Geschichte verdankt die Protagonistin ihren Erfolg mehr dem Zufall als ihren Fähigkeiten. Allerdings - und das hebt Selinkos Romane von anderen dieses Genres ab - beginnt die junge Frau im Lauf der Ereignisse, die Strukturen zu durchschauen, und entwickelt in der Folge gewitzte Strategien, um sich in der Männerwelt nachhaltig durchzusetzen.

- © Milena
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Toni Huber ist ein kleines Fräulein mit einem kleinen Stimmchen, kleinen Träumen und einem kleinen Gesichtchen. Nur die Augen sind riesengroß. Der aus der Perspektive Tonis geschriebene Roman beschreibt ihre Gedanken sehr detailliert, und es sind kindliche Gedanken von erschreckender Naivität, aber auch von schnörkelloser Direktheit.

Toni macht also Karriere beim Radio. Besser gesagt, stolpert sie in ihre Karriere hinein. Nach der geschenkten Matura und dem Zufallsjob tapst die kleine Person durchs Leben und gerät dabei - von Männern herumgeschubst - von einem Sprungbrett auf das nächste. Per Zufall landet Toni vor dem Mikrofon der Radioanstalt, wo sie eigentlich nur naiv vor sich hinplappert. Doch ihr kleines Stimmchen rührt die Menschen, und so wird Toni eben berühmt.

Sagt Toni etwas Kluges, ist ihr das doch nur rausgerutscht. Verhandelt sie knallhart, dann nur, weil sie das Einstellungsgespräch für ein Spiel hält. Doch während die junge Frau mit dem Verstand hintennach hüpft, wird sie tatsächlich erwachsen. Sie erkennt, dass es Männer zum Verlieben gibt und andere zum Heiraten, und Geld zu haben ist auch kein Schaden.

Beim Lesen des durchaus als Unterhaltungsroman konzipierten Buchs muss man allerdings schon Durchhaltevermögen beweisen und fest an die sozialkritischen Absichten der Autorin glauben. (Selinko war im Widerstand gegen die Nazis.) Die Bezeichnung "klein" wird leider inflationär gebraucht: "Was will der mächtige Herr Rat von dem kleinen hinausgeworfenen Schreibmaschinenfräulein Huber?", denkt die kleine Toni und versteht wieder einmal gar nichts. Derartige romantische Verniedlichungen sind freilich der damaligen Zeit geschuldet und entsprechend zu verzeihen.

Mag ihre Protagonistin auch bloß ein "kleines Fräulein" sein, so ist Selinko hingegen eine der ganz Großen, was ihren sprachlichen Ausdruck betrifft: Knapp und präzise sind da manche Szenen, etwa die im Spital, in der das junge Mädchen, von den Ärzten grade so geduldet, am Sterbebett des Vaters sitzt. Atemberaubend ist das, brutal. Man will der jungen Frau auf die Schulter klopfen - mitleidsvoll in den Arm nehmen mag man sie jedoch nicht.

Denn die Toni kommt schon zurecht, auf ihre ganz spezielle Weise. Und weil sie alles andere als bescheiden ist, wird sie auf ihrem Weg sicher auch das Attribut "klein" zurücklassen.