Sein Oeuvre ist gigantisch, seine Fantasie grenzenlos - und seinen Stil gibt es nur im Plural. Denn Peter Rosei kann man ohne Einwände zu den virtuosesten Fabulierkünstlern seiner Generation zählen. Mittlerweile ist sein Werk auf über 50 Bücher angewachsen. Jedes von ihnen eine Neuerfindung! Wer die Spannweite seines Könnens kennenlernen möchte, dem gewähren zwei Bücher aus diesem Frühjahr Einblick.

Ein zuversichtlicher Schöpfer: Peter Rosei wird 75. - © Gabriela Brandenstein
Ein zuversichtlicher Schöpfer: Peter Rosei wird 75. - © Gabriela Brandenstein

Zunächst wartet der Residenz Verlag mit einem echten, nein, dem Klassiker überhaupt des Wiener Schriftstellers auf, nämlich "Wer war Edgar Allan?" von 1977. Wie so oft bindet uns der Romancier unmittelbar an einen Ich-Erzähler, der noch einmal eine so kuriose wie mysteriöse Reise nach Venedig mental rekonstruiert.

- © Residenz
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Nachdem er uns gleich zu Beginn darauf hinweist, dass seine "Zeugnisse lückenhaft" seien, weiß man sofort: Diesem damals fünfundzwanzigjährigen Protagonisten darf man nicht zu viel glauben. Zumal sich der Student der Kunstgeschichte allzu gern dem Drogenrausch hingibt. Und während er delirierend durch La Serenissima schlendert, ereignen sich merkwürdige Vorfälle. Eine Contessa stürzt sich vom Dachgarten ihres Hauses (oder wird gestürzt?), ebenso kommt ein Syndikatchef ums Leben. Wie gut, dass dem selbstvergessenen Flaneur angesichts dieser Tragödien zumindest ein kluges Epigramm von Goethe in den Sinn kommt: "Zwischen der Wieg und dem Sarg, wir / schwanken und schweben / auf dem großen Kanal sorglos durchs Leben dahin."

Doch allzu unbeschwert bleiben die Tage nicht. Spätestens als der Ich-Erzähler auf den titelgebenden Edgar Allan, selbstverständlich eine Referenz auf den berühmten amerikanischen Autor von Schauer- und Horrorstorys, trifft, sind alle Sicherheiten dahin. Wie einen Sog zieht der den Studenten an, der mehr und mehr zwischen Halluzination und Selbstverlust zu taumeln beginnt. Was diesem traumartigen Roman zu seiner Verve verhilft, ist seine Dynamik, seine Gedanken- und Sprachbewegung, haltlos und völlig entwurzelt: "Auf hemmungslose Exzesse folgten stille Zeiten. War ich auf dem Weg der Selbstzerstörung einmal fortgefahren bis zum Geht-nicht-mehr, wie ich es bei mir nannte, so betrat ich mit einem Mal den Raum des Seelenfriedens, einer taubenhaften Stille."

- © Residenz
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Diese ausschmückende Grandezza bildet nur einen Pol von vielen in Roseis Ausdrucksvermögen. Deutlich wird die Spannung in seinem neuesten Werk, "Das Märchen vom Glück". Angeschlagen wird nun der Ton eines Anekdotenerzählers, der einem in einem Beisl eine Geschichte erzählt und sie mit allerlei dialektalem Lokalkolorit und Redewendungen anreichert. Im Mittelpunkt stehen verschiedene Figuren, die in Wien ihr Glück suchen, als Gelegenheitsjobber oder Filialleiter. Allen voran Eva erweist sich als eine Knotenfigur, weil sie mit diversen Männern der Episoden kurze oder längere Beziehungen eingeht, aber nicht aufgibt, ihre Liebe zu suchen, und sie am Ende wohl auch findet.

Dass immer wieder Personen, etwa bei einem Autounfall, sterben und sich lediglich als kurze Blitzlichter am Prosahimmel erweisen - "that’s life", um es mit Frank Sinatra zu sagen. Oder eben so: "In seriösen Romanen passiert so etwas nicht, ich weiß, aber was soll man machen."

Stets widmet sich Rosei dem Menschen in seiner Verstrickung in das unvorhersehbare Schicksal - und stets wird dabei ein zutiefst empathischer Blick eines Autors auf seine Helden erkennbar. Nie ironiefrei, aber auch nie zum Spott lässt er seine Figuren scheitern - und viele von ihnen auch wieder einen Neuanfang wagen. Wer deren Dasein entwirft, ist ein zuversichtlicher Schöpfer, der trotz aller Bedenken an das Gute in uns allen glaubt. Dadurch muten seine Texte authentisch an. Sie entspringen der Intimität eines unablässig zugewandten Beobachters. Hinschauen, Hingeben, anwesend sein - so lauten die Prinzipien seines hoffentlich noch lange anhaltenden Schreibflusses.