Wiener Zeitung: Herr Rosei, den Titel Ihres neuen Buches "Das Märchen vom Glück" kann man auf zwei Arten lesen – im Sinne von "Das Glück ist ein Märchen" oder tatsächlich als märchenhafte Geschichte. Diese Ambivalenz ist sicher kein Zufall ...

Peter Rosei: Ja, das ist Absicht. Wenn man Glück im religiösen Kontext betrachtet, ist es Gnade, wenn man es hierarchisch auffasst, ist es Gunst. Die Geliebte gibt die Gunst, hat man früher gesagt. Glück hat etwas Koboldhaftes, weil man es nirgends festmachen kann und schattiert sehr schnell in Unglück. Was das Buch selbst anlangt: Märchen erzählen normalerweise grausame Geschichten. Das Märchenszenario ist in der Regel von der Wirklichkeit nicht weit weg, sondern behandelt sie und löst sie dann glückhaft auf. In meinem Buch kommt relativ viel Unglück vor, wie es im Leben leider so ist. Dann gibt es diese Glückmomente, die der Leser auffinden kann.

Mit wenigen Ausnahmen kommen die Protagonisten Ihres neuen Romans aus sogenannten einfachen Verhältnissen. Beim ungarischen Supermarktangestellten Andràs hat man die Hoffnung, dass er ein gewisses Talent zum Glück hätte, wird aber letztlich von Ihnen relativ schnell aus dem Verkehr gezogen.

Den habe nicht ich aus dem Verkehr gezogen. Sein erstes Glück entpuppt sich als eine Illusion, seine Frau ist ihm untreu, was aber nicht bedeutet, dass er vorher nicht mit ihr glücklich war. Ich sage immer: Die Menge von Unglück ist eigentlich größer als die Menge von Glück, die man erlebt, und man ist gut beraten, wenn man sich auch mit dem Unglück, mit Tod, Krankheit und Leid beschäftigt. Je älter man wird, desto mehr wird man damit konfrontiert. Für Helmut Eisendle oder für meinen Freund H. C. Artmann habe ich die Totenrede gehalten. Dem muss man sich stellen. Man darf oder man sollte nicht verzweifeln.

- © Residenz
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Da jedes Märchen zumeist auch eine Prinzessin hat, ist dies in Ihrem Roman die aus Brünn stammende Eva. Eine Frau, die sich unverdrossen immer wieder auf neue Beziehungen einlässt, Enttäuschungen gut wegsteckt und dank ihrer starken Persönlichkeit nie die Hoffnung aufgibt. Ist diese Eva eine reine Fantasiefigur?

Wie alle meine Figuren ist Eva aus dem Lebensstoff heraus geschaffen. Ich kenne Brünn, Szombathely usf. Zu Eva wäre noch zu sagen: Es gibt eine Glücksvergessenheit und auch das Gegenteil, eine Art Glücksbereitschaft: Du hast Glück und du hältst es fest.

Das Glücksstreben der Figuren ist einerseits auf beruflichen Aufstieg gerichtet, andererseits und im Besonderen auf ein Du, auf die Suche nach Beziehung und Liebe.

Das Du ist das Wichtigste. Die Liebe ist der Motor, dass man dieser Einsamkeit entkommt, in der man bewusst oder unbewusst steckt. Deshalb heißt es bei Shakespeare, die Liebe hat keinen Preis, weil man so viel dafür bekommt.

Was hat Sie letztlich bewogen, diesem Buch am Ende doch eine versöhnliche Wendung zu geben?

Ich gehe meinen Figuren nach. Du hauchst den Figuren Leben ein, und sie bewegen sich dann in dem Raum, den du vorgibst. Es gibt Bücher, wo ich dann einige Figuren ausgeschieden habe, weil sie einfach nicht entwicklungsfähig waren, oder ich konnte das, was diese Figuren ausdrücken hätten sollen, in andere Figuren integrieren. Der Jammer mit dem Romanschreiben ist, dass man immer Figuren braucht. Es wäre mir viel lieber, wenn man das, was man transportieren möchte, anders ausdrücken könnte. Denn die Figuren sind natürlich auch Tyrannen, die ab einem gewissen Grad ein Eigenleben entwickeln.

Ohne zu viel vom Plot zu verraten, wird am Ende des Buches ein "Anrecht auf Glück" für die Protagonistin und ihren Partner in Aussicht gestellt.

An diesem Ende habe ich lange gearbeitet, weil die beiden sozial ja sehr weit voneinander entfernt sind.

Wie Sie das Buch ausklingen lassen, war keine vorab getroffene Entscheidung, sondern hat sich im Zuge des Schreibens entwickelt?

Das muss immer so sein. Wenn du das erzählerische Kalkül einmal festlegst, zwingt das Kalkül dich, ihn im Verlauf dann weiterzuverfolgen. Manchmal geht es nicht weiter, dann muss man aufhören und sagen: gescheitert – gibt es auch!

Peter Rosei in Schandorf (Bgld.), 2011. - © apa / Robert Jäger
Peter Rosei in Schandorf (Bgld.), 2011. - © apa / Robert Jäger

Bezeichnend für Ihr literarisches Schaffen ist u.a. die Tatsache, dass Sie keine 800-Seiten-Romane schreiben, sondern Inhalte sehr verdichten.

Von Einstein gibt es den Ausspruch: "Sag es so einfach wie möglich – aber nicht einfacher." Dem füge ich noch hinzu: Sage es so, dass es jeder Mensch verstehen kann. Was dabei im Verborgenen bleibt, ist die intellektuelle Vorarbeit. Man kann nie zu viel wissen, bevor man zum Schreiben anfängt. Die Ökonomie, das soziale Leben der Figuren, die Psychologie etc. Das ergibt dann die Erzählbewegung. Zuerst alles durchdenken und beim Schreiben möglichst wenig denken und eben schauen, was die Figuren machen – sie handeln dann ohnehin von selbst.

Würden Sie sich selbst als glücklichen Menschen bezeichnen?

Ich denke, so wie jeder – zum Teil glücklich, zum Teil unglücklich. Nur Glück haben wir nicht. Angesichts der momentanen Lage bedauere ich die sozial Schwachen und all jene Menschen, die jetzt in Schwierigkeiten geraten sind. Als im März vergangenen Jahres die Corona-Krise begann, startete der Residenz Verlag einen Blog. Ich sagte, und das war mir von Anfang an klar, dass auf lange Sicht das soziale Elend das eigentliche Problem darstellen wird. Meine Hoffnung ist, dass der soziale Zusammenhalt durch Hilfe gewahrt bleibt – oder wie man auch sagen könnte: Breite Schultern müssen mehr tragen als schwache Schultern. Anders wird es nicht gehen. Ein kleiner Hoffnungsschimmer ist, dass sich die Staatengemeinschaft wohl auf die Besteuerung der Internetkonzerne einigen wird, weil alle Staaten Geld brauchen, um die Krise auszufinanzieren. Wäre die momentane Lage nicht gegeben, würden sie sich meiner Meinung nach nie einigen, weil einige natürlich von der Situation profitieren wie z.B. Irland, Luxemburg oder Amerika. Diese Steuern würden relativ viel Geld einbringen und damit könnte man diverse Programme finanzieren. Sozialer Zusammenhalt ist ein Riesengeschenk – deshalb kann man sich bei uns noch in der Nacht auf eine Parkbank setzen. Woanders würde man sagen – eher nicht!

Sie haben Ihr berufliches Schicksal sehr früh selbst in die Hand genommen und gelenkt. Zunächst in Mindestzeit und mit Auszeichnung Jus studiert, anschließend waren Sie von 1969-71 Manager und Sekretär des Malers Ernst Fuchs. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?

Schon als Student habe ich bei Fuchs zweimal in der Woche die Post durchgeschaut und verwaltet. Als ich fertig studiert hatte, hätte ich aufgrund meiner Noten zwei Assistentenstellen an der Uni haben können, das hat mich aber aufgrund des damals dort herrschenden reaktionären Klimas nicht interessiert. Als ich das Gerichtsjahr antreten hätte sollen, bin ich in den Justizpalast gegangen und gleich wieder beim Hinterausgang hinaus. Mir war sofort klar, das ist nichts für mich. Das war das Ende meiner Karriere, das klingt jetzt vielleicht lustig, war aber letztlich eine schwere Entscheidung. Dann begann ich bei Fuchs zu arbeiten.

Woher kam der ursprüngliche Kontakt zu Fuchs?

Ich war sehr beeindruckt von seinen Altarbildern in der Hetzendorfer Kirche. Ich schrieb ihm eine Karte und ließ ihn das wissen. Daraufhin lud er mich auf einen Kaffee ein. Diese drei Jahre bei Fuchs waren für mich positiv, weil ich dort unheimlich viel Lebenswelt kennenglernt habe, die ich sonst nie kennengelernt hätte.

Ernst Fuchs, 2007. - © Tsui / Creative Commons via Wikimedia
Ernst Fuchs, 2007. - © Tsui / Creative Commons via Wikimedia

Sie meinen das Milieu, das bei ihm verkehrte?

Ja, Fürst von Liechtenstein, Otto von Habsburg, Bruno Kreisky oder Herbert Batliner, dessen Sammlung jetzt in der Albertina zu sehen ist, sah man da. Der Kunsthandel selbst ist die schlimmste Form von Kapitalismus und war eine heilsame Lehre für mich. Ich hatte ursprünglich eine ganz andere Vorstellung von Kunst, vom Leben als Künstler. Wir agierten damals international, hatten z. B. Ausstellungen in Amerika und Japan. Es war ein globales Geschäft, und ich war nach kürzester Zeit auf mich allein gestellt, hatte große Verantwortung – und nebenbei habe ich auch geschrieben. Das war dann zu viel des Guten.

1972, also mit 26 Jahren, fassten Sie den Entschluss, als freier Schriftstelle zu leben.

Ernst Fuchs hat später immer gesagt, wenn Ihnen nichts mehr einfällt, kommen Sie wieder zu mir. Durch die Arbeit bei Fuchs lernte ich kennen, wie es sich anfühlt, wenn man viel Geld hat. Das hat mir aber nichts bedeutet. Ich bin dann in kürzester Zeit in einer kleinen Dachkammer in Bergheim gelandet, wo Journalisten, die mich besuchten, gemeint haben, das gibt’s nicht, der ist Doktor, könnte Karriere machen und lebt in einem so armseligen Kammerl, wo es reinregnet. Aber mir hat das getaugt, es war genau das, was ich damals wollte: Freiheit.

Wieso übersiedelten Sie von Wien nach Salzburg?

Weil der Residenz Verlag dort angesiedelt war, und der damalige Verlagschef, Wolfgang Schaffler, hat sich viel um die Autoren gekümmert, auch über das Verlegerische hinaus. Und mein Freund H. C. war auch dort.

Worin genau gründete Ihre jahrzehntelange Freundschaft mit H. C. Artmann?

Kennengelernt haben wir einander bei Fuchs. Er hat mit ihm 1965/66 die "Grünverschlossene Botschaft" gemacht, ein sehr schönes Buch, das Fuchs illustriert hat. In Salzburg sind wir dann sehr rasch in diese 30-jährige Freundschaft hineingekommen, die bis zu seinem Tod andauerte.

Basierte diese Freundschaft auch auf dem Schreiben?

Nein, überhaupt nicht. Freiheit! Das war die Hauptverbindung. Freiheit ist der wichtigste Wert gewesen für uns. H. C. war, so wie ich, Wiener, wir waren in Salzburg quasi Ausländer. H. C. war von der Sprache begeistert, was Sprache alles zu leisten imstande ist. Ich bin ja ein Skeptiker, ich halte die Sprache eher für einen Pfusch. Das war schon eine wunderbare Ausgangslage für endlose Debatten.

Was meinen Sie damit, die Sprache ist ein Pfusch?

Man kann das Glas, das hier am Tisch steht, nicht beschreiben. Das ist unmöglich.

Weil die Sprache an die visuelle Komponente nicht heranreicht?

Es gibt ein herrliches Gedicht von Du Fu, einem chinesischen Lyriker aus dem 8. Jahrhundert, den ich sehr verehre. Er schreibt: "Diese verdammten Nelken, ich kann euch nicht beschreiben." Probieren Sie es. Es geht nicht. Ich kann die Blumen nur aus der Erinnerung heraus neu erfinden. – H. C. war begeistert von der Fülle und Vielfalt der Sprache, von den vielen Synonymen, die es gibt – dazu von den verschiedenen Sprachen.

Über die eigenen Arbeiten wurde nicht gesprochen?

Nein, das hätte als unfein gegolten.

Ihre beiden Geburtstage liegen eng beisammen – Sie haben am 17. Juni Geburtstag, H. C. Artmann am 12. Juni.

Aber wir haben das nie gefeiert. Wir haben jeden Tag gefeiert, aber nicht den Geburtstag.

In Ihren Büchern wird man als Leser immer wieder mit ungemein poetischen Bildern und Metaphern beschenkt. In einem Interview haben Sie einmal gesagt: "Im Grunde genommen sind meine Bücher große Gedichte. Sie sind alle nach musikalischen und leitmotivischen Zusammenhängen aufgebaut."

Das merkt der Leser wahrscheinlich nicht, aber er wird bewegt von einer Strömung, dessen Charakter ihm vielleicht unklar ist, aber diese Strömung ist genau konzipiert.

Diese Sogwirkung ist, wie ich finde, im "Das Märchen vom Glück" sehr stark spürbar.

Das Bild ist das wirkmächtigste Mittel, über das der Künstler verfügt. Die Erzählung ist eigentlich eine Dynamisierung von Bildern. Deshalb habe ich ein Faible für chinesische Schriftzeichen. Sie haben den Vorteil gegenüber unseren Worten, dass sie einen Raum haben. Es gibt einen Kernbereich von Bedeutung, und dann gibt es einen Ahnungsraum rundherum. Die Sprache hat die Eigenschaft, dass immer schwarze Passagiere mitfahren in der Bedeutung.

Eine Besonderheit Ihrer Bücher ist nicht zuletzt die Tatsache, dass Sie sich innerhalb der Geschichte bisweilen selbst zu Wort melden, quasi als Über-Ich in Erscheinung treten und somit in direkten Kontakt mit dem Leser.

Kunst ist etwas Gemachtes, das kann man nicht wegzaubern. Das ist vielleicht der Unterschied zum Märchen, da bleibst du als Erzähler immer außerhalb, da wird nie so getan, als würde jemand diese Geschichte erzählen. In meinen Büchern ist das anders. Das Prinzip ist Wahrheit und Plausibilität. Wenn ich etwas mit den Figuren nicht erzählen kann, muss ich mich eben selbst einmischen als Regisseur und gestalterisch einwirken.

Sie lassen in Interviews immer wieder durchklingen, es nicht anzustreben, dass sich der Leser mit Ihren Romanfiguren identifiziert. Beim "Märchen vom Glück" passiert dies aber laufend.

Das liegt an meiner Grundeinstellung. Ich bin kein Katechet, kein Ideologe. Der Leser schafft ja das Kunstwerk mit, es ist ja immer eine Dialogsituation, ob man es will oder nicht. Mein Buch ist eine Einladung, etwas zu erleben. Ich stelle dem Leser einen Erlebnisraum zur Verfügung, in den er hineingeht, und wo er dann selbst seine Urteile fällt: Das ist ein Schuft, oder diese Figur ist mir sympathisch. Natürlich kann ich mich nicht völlig herausnehmen, weil ich ja eine Verantwortung habe – auch für das Kunstwerk. Aber ich versuche, so wenig wie möglich urteilend in meinen Büchern aufzutreten. Ich schaffe eine Welt parallel zur wirklichen.