"There is a crack in everything", lautet eine Songzeile bei Leonard Cohen, die in Ulrich Peltzers neuem Roman einmal unverhofft im Fluss des Erzählten auftaucht, so wie auch andere Songzeilen, die man schnell erkennt (oder auch nicht), oder beiläufig erwähnte Bandnamen aus der Pop-Musik der Achtziger Jahre. Wie in den anderen Erzählwerken des Berliner Schriftstellers dienen diese Referenzen zur Markierung des urbanen Milieus, in dem sich die Protagonisten bewegen: das West-Berlin der Post-Punk-Ära, die bei Peltzer, und wer möchte ihm widersprechen, als eine Art Golden Eighties erscheint.

Unzweifelhaft war es eine Umbruchzeit, in der die von Cohen apostrophierten "cracks" allenthalben sichtbar wurden und aufbrachen. Diese Bruchlinien, welche oftmals Sollbruchstellen waren, mit Hilfe der Literatur ausfindig zu machen, ist ein Ziel, das sich Peltzer auch in diesem Roman gesetzt hat.

Nomadisches Erzählen

Autobiografisches hat zwar auch in vielen seiner früheren Bücher eine Rolle gespielt, doch bricht die eigene Lebensgeschichte im sinnig betitelten "Das bist du" so unverhohlen wie sonst kaum hervor. Mit den Herzensergießungen junger Großstadtbewohner, die leider einen Großteil der deutschen Gegenwartsliteratur ausmachen, hat dieser Roman wenig bis nichts zu tun. Peltzer nämlich ist ein Autor von ganz anderem Kaliber.

- © S. Fischer
© S. Fischer

Denn ihm gelingt das ästhetisch so Schwere: Sein Roman ist zwar leicht lesbar, geprägt von einem nomadisierenden Erzählfluss, der das Sich-umher-treiben-Lassen, das Umherschweifen seiner zahlreichen Figuren im Berliner Getriebe spiegelt, doch zugleich ist hier nichts beliebig, sondern höchst raffiniert konstruiert und durchdacht.

Über sein literarisches Verfahren hat der Autor unlängst selber Auskunft gegeben in einem ausführlichen Gespräch mit Joseph Vogl, das im Peltzer-Heft der Zeitschrift "Text + Kritik" abgedruckt ist. Nicht um narzisstische Selbstbespiegelung geht es, wenn das namenlose Erzähler-Ich jenem Bruch auf die Spur zu kommen trachtet, an dem es zum Schriftsteller wurde, sondern um eine viel grundlegendere Frage, sowohl für Autoren wie Leser: "Kommt man der Wahrheit näher, wenn man schreibt?"

Was "Das bist du" exemplarisch vorführt, ist der Versuch, sich selbst fremd zu werden, um die Gesellschaft und unsere Stellung in ihr quasi von außen zu betrachten. Dabei blickt das Erzähler-Ich aus einer unbestimmten Gegenwart erstaunt auf seine alten Texte zurück wie auf die einer anderen Person. Es handelt sich dabei um die literarische Archäologie einer Vergangenheit, die freilich unverkennbar ins Heute hinüberwirkt. Das Bestechende an diesem Buch liegt just darin, dass man den Titel auf sich als Leser beziehen kann - und auch sollte.

Das Figurenpersonal des Romans versucht stets auf Neue, die zeitgenössisch so schwer erkennbaren Mechanismen zu analysieren, nach denen die Interaktion zwischen Gesellschaft und Psyche funktioniert. In unserer Gegenwart allerdings zeigen sich die Zurichtungen, die der zur Handlungszeit des Romans anbrechende Neoliberalismus uns allen angetan hat, ungleich deutlicher.

Doch: "So wie wir jetzt sind, müssen wir nicht sein", wehrt sich eine Figur gegen die Überwältigung des Einzelnen durch die gesellschaftlichen Prozesse, wobei doch all das, was uns im Innersten bestimmt, immer, wenn nicht gar in erster Linie, sozial determiniert ist. Ich, das sind immer auch alle.

Implizit politisch

Ich, das ist aber ebenso stets das, worüber ich materiell verfüge: Ein Axiom der Literatur von Peltzer war immer schon die Erkenntnis, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, weshalb in seinen Büchern stets deutlich wird, welcher Erwerbsarbeit die Personen nachgehen, wie viel sie verdienen, um ihr Leben so zu führen, wie sie es sich vorstellen, und was dies mit ihnen macht.

Es ist nicht zuletzt diese Aufmerksamkeit, die aus Ulrich Peltzer einen eminent politischen Schriftsteller macht, der aber gänzlich ohne plakative Slogans auskommt, weil bei ihm das Politische in der ausgeklügelten Form seiner Bücher begründet liegt.