Gert Ueding weiß: Die Universität kann ein gefährlicher Ort sein. - © Martin Keidel
Gert Ueding weiß: Die Universität kann ein gefährlicher Ort sein. - © Martin Keidel

Das Böse lauert überall, wir wissen es längst und haben noch die feine englische Übersetzung im Ohr, die uns seinerzeit von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung vorgetragen wurde: "The Evil is always and everywhere." Genau. So ist es und so wird es bleiben.

Natürlich ist das Böse inzwischen auch im Wissenschaftsbetrieb angekommen und hat sich dort, untergründig vernetzt, eingenistet. Davon erzählt der kluge und unterhaltsame Roman "Herbarium, giftgrün" von Gert Ueding. Der Autor kennt sich aus: Er war unter anderem Ordinarius für Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen und machte zuletzt mit Erinnerungen an Ernst Bloch ("Wo noch niemand war") auf sich aufmerksam.

Im Mittelpunkt von Uedings neuem Buch steht ein junger Maler, der es in Tübingen dank einiger erfolgreicher Ausstellungen zu einer gewissen Bekanntheit gebracht hat. Max Kersting heißt er und ist nicht unzufrieden mit seinem bisherigen Daseinsverlauf. Auf einmal jedoch wird es eng für ihn. Er wird überfallen. Kurz zuvor ist in einem Hörsaal der Tübinger Eberhard-Karls-Universität eine Studentin tot aufgefunden worden, über die Todesursache kursieren nur Vermutungen, und die Polizei macht das, was sie auch gut kann, sie tappt im Dunkeln. Wenig später wird in einem Parkhaus eine Germanistikprofessorin ermordet, und Kersting ahnt, dass die drei Fälle zusammengehören könnten.

Er beginnt zu recherchieren, folgt Spuren, die erfolgversprechend anmuten, sich dann aber in Luft auflösen. Der eigentlich zuständige Kriminalkommissar Neunzig, ohnehin gern schlecht gelaunt, beäugt Kerstings Tun mit Misstrauen und empfiehlt dem Künstler, an die heimischen Staffeleien zurückzukehren. Vergeblich. Kersting, dem inzwischen eine Liebesgeschichte mit gar nicht mal so schlechten Erfolgsaussichten zugeflogen ist, fühlt sich als Ermittler wohler, auch wenn ihm, nach dem Überfall, noch diverse Ängste zusetzen.

"Er war in einen Mordfall hineingezogen worden, hatte dabei eine ganz neue Seite von sich entdeckt (...). Aber seine eigentliche Profession, seine Leidenschaft für die Kunst? Litt sie darunter oder war gar das Gegenteil der Fall, und sie profitierte von einer kriminalistischen Neigung, die ihn selber überrascht hatte? War sie auch ein Talent?"

- © Kröner Verlag
© Kröner Verlag

Unabhängig davon hat sich auch der Universitätsrektor, bis vor kurzem noch ein rechtschaffener Mensch, seine Meinung über den Fall gebildet, die nicht günstig ausfällt: "Das sind Auswüchse einer umfassenden Korruption, die die Geisteswissenschaften umso mehr beherrscht, je bedeutungsloser sie werden. Wie jede andere Korruption, ob politisch oder wirtschaftlich, fängt sie im Kopf an, untergräbt die Moral und endet im Verbrechen."

Von Tübingen verlagert sich die Geschichte an den Bodensee, wo Kersting dem geheimnisvollen Herbarium näherkommt, in dem die Fäden zusammenlaufen. Die Wahrheit indes mutet simpler an, als zu vermuten war: "Der Ort, den er hartnäckig gesucht hatte, lag vor ihm. Es gab ihn, er war kein magischer Punkt von Nostradamus’ eigener Hand, kein Himmelszeichen, kein botanisches Gehege. (...) Er war eine Attraktion mit besonderem Gepräge, eine Residenz im überregionalen Unterhaltungsgewerbe. Der Name war ein Kennwort. Wer dazu gehörte, wusste, was er bedeutete."

Gert Ueding hat einen bemerkenswerten Roman geschrieben, der womöglich auch ohne kriminalistische Zutaten ausgekommen wäre. Aber das sieht der Autor vermutlich anders. Am Ende kehrt Hobby-Ermittler Kersting in den Alltag zurück, der nie unterschätzt werden sollte, da seine Vorzüge unauffällig sind, gerade weil sie den Blickkontakt zu unseren stillen Sehnsüchten suchen, die wir nicht missen mögen. Man muss nur genauer hinschauen, wo auch immer:

"Die Enten auf dem Anlagensee fingen laut an zu schnattern und zogen flügelschlagend auf die rechte Seite hinüber, wo ein Rentner ihnen Brotstücke zuwarf. Ein Studentenpärchen spazierte Hand in Hand an ihm vorbei und tauchte ihn in die erwartungsvolle Gegenwart."