Seinen Seifenspender wird man nach diesem Buch mit anderen Augen betrachten - also eher nicht mehr nur als das je nach Haushalt volley als befüllte Plastikhülle aus dem Supermarkt aufgestellte oder eigens im Möbelhaus angeschaffte Ding aus Glas oder Porzellan, das sein Dasein zweckdienlich, aber weitgehend unbeachtet wahrscheinlich am Rande des Waschbeckens fristet.

Vielleicht fallen einem in diesem Zusammenhang auch Microblogs aus dem Internet ein, auf denen man unter Titeln wie "Things With Faces" etwa Motorräder, Hausfassaden oder Mahlzeiten betrachten kann, die Augen, Nasen und Münder besitzen und damit einen zutiefst menschlichen Reflex auslösen.

Anthropomorphisierung

Zumindest, wenn man empathiefähig (und -begabt!) ist wie ein auch für die Psychoanalyse interessantes Kleinkind, das eine persönliche Bindung zu Gegenständen aufbaut oder sich fragt, ob das Lieblingsspielzeug zu Hause denn nicht einsam und traurig ist, wenn es seine Zeit selbst gerade im Kindergarten verbringt, findet man plötzlich auch dieses eine Schnitzel mit den Erdäpfelohren, das Boot mit den zum Küssen roten Lippen oder die an Edvard Munchs Gemälde "Der Schrei" erinnernde Eingangstür entweder lustig, süß oder ziemlich unheimlich. Ganz zu schweigen von dem Apfel mit dem Schmollmund, den man auf der Stelle knuddeln und trösten möchte - wenn das nur ginge.

Im ersten Buch der 1979 in der Schweiz geborenen und seit 13 Jahren in Wien ansässigen Illustratorin, Animationskünstlerin und visuellen Gestalterin Pascale Osterwalder haben die Protagonisten zwar keine Gesichter. Die Anthropomorphisierung, sprich die Zuschreibung menschlicher Eigenschaften an nichtmenschliche Objekte, findet aber auch ohne diese und mit Fokus auf Charaktereigenschaften und Emotionen statt. Auch Alltagsgegenstände haben Gefühle! Sie fühlen sich etwa benutzt.

Leer und ausgepumpt

Im Falle der in "Daily Soap" von Erschöpfungsdepressionen gekennzeichneten Seifenspender ist deren zumindest teils metaphorische Beschäftigung als Dienstleister auch sprachlich ein wunschloser (Un-)Glücksfall. Immerhin zeigen sich die stets funktionieren müssenden Behälter nach getanem Dienst nicht zuletzt leer und ausgepumpt. Und als würde das nicht reichen, führt auch die Existenz als im Buch 1,95 Euro "teure" Ware auf dem Niedrigpreissektor zu einem Selbstwert, der sich so reduziert ausnimmt, wie ihn ein Schild wie "Alles muss raus" samt seinem Prozentzeichen ausweist - und klein hält. Man ist Ausschussware oder Ladenhüter und bekommt für das tägliche Ertragen seines Bullshitjobs noch nicht einmal Schmerzensgeld.

- © Luftschacht Verlag
© Luftschacht Verlag

Auf einer Doppelseite mit dem Begleittext "Ich mache mir Sorgen um meine Liquidität" starrt ein in ein Abwaschtuch gehüllter Seifenspender in den Abfluss und löst sofort Assoziationen mit einem Obdachlosen aus, der sich mit seiner Decke nicht nur vor den Wetterverhältnissen, sondern auch vor der sozialen Kälte unserer Zeitrechnung schützt. Es geht um die be- und letztlich erdrückenden Sorgen um das blanke finanzielle Überleben in einer kapitalistisch durchdeklinierten Welt ohne Scham und Genierer.

Mit dem Seifenspender als Objekt und Marktware sowie als verdinglichtes Humankapital in Dienstleistergestalt beschäftigte sich Pascale Osterwalder bereits vor der Corona-Pandemie. Diese verleiht ihren Zeichnungen nun aber eine andere, weitere, eine tiefgreifendere Dimension. Schließlich war und ist der Seifenspender - neben dem viel eher diskutierten Mund-Nasen-Schutz - ein zentrales Objekt der Krise, dem wenig Beachtung geschenkt wird. Vom Übereinstimmen mit den dauererschöpften, ausgelaugten, gesellschaftlich anfangs beklatschten, bald aber auch von der Politik wieder vergessenen "Systemerhaltern" an der Supermarktkassa und den Beschäftigten im Gesundheitssektor einmal sowieso abgesehen.

Von der objektiven Frühgeschichte, sprich der Darstellung eines "prähistorischen Seifenspenders", über die Psychologie des Inneren ("Von alleine mache ich nichts. Mir fehlt der eigene Antrieb."), seine Rolle am Markt, die Schilderung von Spenderschicksalen (der tatsächlich sehr eckige "Ekhardt wäre lieber etwas weniger förmlich") bis hin zur zum Scheitern verurteilten Liebesgeschichte eines Spenders und einer (nicht wiederbefüllbaren!) Tube ist Pascale Osterwalder ein grandioses Bändchen gelungen, das gleichzeitig humorvoll und herzzerreißend daherkommt.

Der lethargische, an Edward Hopper gemahnende Blick eines Seifenspenders in die Freiheit (sie muss hinter dem Fenster wohl grenzenlos sein) und die durchaus wienerstädtische Zeichnung - zwar nicht "Med ana schwoazzn dintn", sehr wohl aber mit ernüchternd alltags- und betongrauem Bleistiftstrich - tun ein Übriges. Eine Empfehlung.

- © Pascale Osterwalder
© Pascale Osterwalder