Den Gartenzwerg haben Onkel Hans und seine Frau mitgebracht, die eigentlich Großonkel Hans und seine Frau sind.

Jetzt steht er da, der Gartenzwerg.

Es geht nicht anders, weil Onkel Hans und seine Frau im Juni und Juli gerne zu Besuch kommen. Im August sind sie dann auf Ischia.

Würde Elagabalus . . . - so heißt der Gartenzwerg, benannt nach dem römischen Kaiser, der Blüten so liebte, dass er seine Orgiengäste darunter begrub und ersticken ließ. Passt das nicht zu einem Garten? Würde also Elagabalus fehlen, würden Großonkel Hans und seine Frau Fragen stellen. Deshalb steht Elagabalus jetzt in aller gartenzweraugusteischen Majestät da und schaut zu beim Aufbau des Hochbeets.

Ja, oh Großstädter, der Du balkonlos in Ziegel- und Betonklötzen Dein graues Dasein fristest, es geht nichts über den eigenen Garten!

Hochbeet-Hindernisse

Die Vögel zwitschern. Die Schmetterlinge fliegen. Die Bienen summen und die Hummeln brummeln. Da ist gut Mensch sein, so lässt sich’s leben, und die Petersilie kommt aus dem eigenen . . .

Au weh.

Das war zwar nicht der Daumen, aber Hammer auf Ringfinger ist auch kein Hochgenuss.

Weil . . . - Also, das Hochbeet, dessen Entstehen Elagabalus seit Tagen beobachtet: Natürlich ist es aus Holz. Und ganz leicht aufzubauen ist es "für den begeisterten Hobbygärtner".

Dass der begeisterte Hobbygärtner ein kundiger Hochbeetarchitekt und ein gewiefter Tischler in einer Person sein muss, stand nicht in der Beschreibung.

Geliefert wurde das Hochbeet in dreihunderteinundzwanzig Teilen. So ungefähr - ohne nachzuzählen, was auch schwierig wäre, denn mindestens einhundertdreiunddreißig Teile sind schon kundig verbaut. Und der Apotheke geht jetzt langsam der Vorrat an Wundpflastern aus.

Die Bienen summen, die Hummeln brummeln, und Elagabalus schaut zu.

Eigentlich hätte der Kräutler am nächsten Eck auch Petersilie.

Der große tschechische Schriftsteller Karel Čapek schrieb "Das Jahr des Gärtners". Beim Lesen schon bekommt man Gartenlust. Nun gut, Karel Čapek erfand ja auch das Wort "Roboter", und dennoch wäre es unfair, ihm die Schuld für die "Transformer"-Filme zu geben.

Und in der Buchhandlung darf man ohnedies nicht in dieses Regal schauen, das allein schon wegen der Buchrücken grün schimmert: "Mein Garten", "Gartenprojekte", "Mein Garten im Wandel". Sogar ein Büchertisch steht da und darauf florieren "Mein Gartenwissen", "Gärten gestalten", "So geht Garten" (aber so geht nicht Deutsch). Endlich auch eine Warnung: "Ein Garten ist niemals fertig". Und schließlich Bücher zum Thema Hochbeet. Würde Elagabalus daraus vorlesen, wäre er wenigstens nützlich.

So aber umsummen Bienen und umbrummeln Hummeln seine Mütze.

Und er schaut zu.

"Als Erstes hat Gott einen Garten angelegt", sagt der englische Philosoph und Staatsmann Francis Bacon. Dass Čapek später meinte: "Die klügsten Männer sind jene, die ihrer Frau einreden können, dass Gartenarbeit schön macht", ist insofern von tiefer Einsicht, als es erklärt, weshalb Eva in den Apfel biss. Ade, Garten Eden - willkommen bei der Feldarbeit, oh Adam. Eva war eine kluge Frau. Wer weiß, wie viel Teile ihr Hochbeet hatte?

Ein Garten macht Freude. Jawohl. Dafür lohnt es sich, dass die Knie flunderlach werden, und noch keiner eine Bürste erfunden hat, um alle Erde unter den Fingernägeln herauszubekommen. Wer mäht nicht gerne den Rasen, wer schneidet nicht gerne die Hecken?

Ja, schau nur, Elagabalus! Die sind perfekt, die Hecken. So ziemlich halbwegs annähernd.

Nur ein Wiener kann das alles fein unterscheiden. Das eine ist Gärtnern. Das andere ist Garteln. Wer gärtnert, denkt an den Rasen, wer gartelt denkt an den Liegestuhl darauf.

(Dreh Dich um, Elagabalus . . .!)

Wie der Rasen will

Apropos Rasen. Es gibt da eine Faustregel: "Säst D’ ihn im April, kummt er, wann er will. Säst ihn im Mai, kummt er glei." Weiß die brummelnde Hummel, wie man das verhochdeutschen soll! "Säst Du den Rasen im April, sprießt er, wann er will. Säst Du ihn im Mai, ist er da auf eins-zwei-drei." Na bitte, perfekt gereimt, formschön gedichtet. Ein Garten ist sogar für einen Gartler eine unversiegbare Inspirationsquelle.

Was nichts daran ändert, dass dieses Fleckchen da hinten, im April gesät und im Mai nochmals und Anfang Juni zum dritten Mal, immer noch ausschaut wie Yul Brynners Haartracht, nur halt in Erdbraun.

Was soll man da, bitteschön tun? Mehr gießen? Weniger gießen? Den Garten fluten? Ihn in eine partielle Trockenwüste verwandeln? Oder der Göttin Ceres ein Opfer bringen? Was will sie denn? Ein paar Blutstropfen hat sie sowieso schon seit der Sache mit der Schraube, mit der ein Teil des Hochbeets zu fixieren war.

Irgendwann ist jedes Bauwerk fertig. Die Pyramiden. Die Akropolis. Das Pantheon. Das Hochbeet. Es sieht so prächtig aus, als hätte Antoni Gaudí die hängenden Gärten der Semiramis entworfen.

Schön, ja, die Befüllung musste wieder ’raus, wer denkt schon bei seinem ersten Hochbeetbau an die Folie, die das Holz vor Nässe schützt? Und dann, wie den Wühlmäusen das Wasser im Wühlmausmäulchen zusammengelaufen ist, war klar, dass da doch noch etwas war, das mit dem Wühlmausgitter. Aber jetzt, nach der dritten Befüllung, ist alles fertig.

Fragt sich nur noch, wie das Hochbeet zu bepflanzen ist. Petersilie steht fest, ebenso Liebstöckel, Dille und Schnittlauch. Ob aus dem Basilikum was wird? Ja, eh, Elagabalus, Weinraute ist dabei, das Lieblingsgewürzkraut der Römer, das etwas nach Campari schmeckt. Aber Du bist kein römischer Kaiser, sondern nur ein Gartenzwerg, der nach einem römischen Kaiser benannt ist.

Grüne Halme!

Und unversehens wird aus dem Garteln ein Gärtnern, also, nicht ganz, so eine Zwischenstufe: Da wäre ein Blumenbeet schön, dort könnte man einen Strauch anpflanzen. - Und was ist das? Da sprießen doch (hast Du’s gesehen, Elagabalus?) auf der Yul-Brynner-Wiese erste grüne Hälmchen, und schon wird daraus die Fran-Drescher-Wiese! Und die Bienen summen, die Hummeln brummeln, die Vögel zwitschern, und Onkel Hans und seine Frau, die eigentlich Großonkel Hans und seine Frau sind, können gerne kommen und das Wunder besehen.

Ganz recht hat der Čapek: "Es soll sich nur ja niemand einbilden, echte Gärtnerei sei eine bukolische und beschauliche Tätigkeit. Eine unstillbare Leidenschaft ist sie, wie alles, was ein gründlicher Mensch anfängt."

Jetzt scheint es fast, als würde Elagabalus weise nicken.