Ein Bestseller, der auch noch literarischen Anspruch stellte - wann erlebt man das schon?

Robert Schneiders "Schlafes Bruder" war solch ein Sonderfall. Obwohl: Unumstritten war das Buch gerade wegen seines Erzählstils nicht. Der Vorarlberger feiert am 16. Juni seinen 60. Geburtstag. Seine bisher letzten Arbeiten sind die Videoporträts "Silent Faces" (2020) und, gemeinsam mit der Illustratorin Linda Wolfsgruber, das Kinderbuch "Der Schneeflockensammler" (2020).

Robert Schneider, Autor von "Schlafes Bruder" und "Die Opferung". - © Robert Schneider / Foto: Christina Bartsch / CC0 / via Wikimedia Commons
Robert Schneider, Autor von "Schlafes Bruder" und "Die Opferung". - © Robert Schneider / Foto: Christina Bartsch / CC0 / via Wikimedia Commons

"Schlafes Bruder" war der Buch-Erfolg des Jahres 1992. Mit einem Mal war der Name Robert Schneider ein Begriff. Es war beinahe ein Erstlingswerk. Der Theatertext "Hitlermein. Eine Liebesrede" war 1989, trotz des provokanten Titels, bei der Uraufführung in Götzis verpufft. Andere Texte, darunter ein Drehbuch über den mörderischen Renaissance-Komponisten Carlo Gesualdo, ließ Schneider in der Schublade liegen.

31 Jahre war Schneider alt, als er mit dem scheinbar unmöglichen Buch seinen Durchbruch hatte: "Schlafes Bruder" handelt von einem übersehenen Genie, einem genial begabten Musiker, der an seiner ländlichen Umgebung zugrunde geht. Gott ist ein verschwenderischer Demiurg, kommt das eine Genie nicht durch, dann schafft er ein anderes. Als emphatische Gläubigkeit in einem insgesamt allzu hohen, allzu manirierten Tonfall konnten das nur die Kritiker ankreiden, die über die Bitterkeit hinweglasen. Ein Film, eine Oper und ein Ballett entstanden nach dem Roman.

Autobiografische Bezüge

Gibt es autobiografische Bezüge in "Schlafes Bruder"? -  Zumindest hatte er das Leben eines künstlerisch vielfach begabten Menschen in einer kunstfernen, engen Gesellschaft selbst erfahren: Der 1961 in Bregenz geborene Schneider wurde als Zweijähriger von einem Bergbauernpaar aus Meschach adoptiert. Ab 1981 studierte er Orgel und Komposition, dazu Kunst- und Theaterwissenschaft in Wien, brach das Studium aber zugunsten des Berufs als freier Schriftsteller ab. Sein Heimatdorf verließ er nur für diese Studienzeit und einen Aufenthalt in New York.

"Schlafes Bruder" war von 24 Verlagen abgelehnt worden, ehe der Reclam-Verlag Leipzig zugriff und dem Roman und sich selbst einen wahren Höhenflug bescherte. Man spürte die Parallele zu dem anderen Erfolgsbuch der Zeit, Patrick Süskinds "Pafüm": War Süskinds Protagonist ein Geruchs-Monster, ist der Schneiders ein Gehör-Monster.Die Übertragung von Sinneseindrücken in Sprache hatte für beide Autoren den  Reiz der scheinbar unbewältigbaren Herausforderung.

"Schlafes Bruder" schaffte es sogar ins "Literarische Quartett", das sich allerdings zuvor bei Libuše Moníkovás "Treibeis" und Christoph Geisers "Das Gefängnis der Wünsche" verzettelt hatte und Schneiders Buch nur unzureichend diskutierte. Der deutsche Starkritiker Hellmuth Karasek ortete Ironie, seine österreichische Kollegin Sigrid Löffler Kunsthandwerk. Kritiker Papst Marcel Reich-Ranicki urteilte positiv über das Können Schneiders, er stieß sich lediglich am Inhalt, der ihm zu gesucht schien, und er wagte die Prognose, Schneider würde, sofern nicht er sich ein Thema konstruieren müsse, sondern ein Thema ihn fände, "einen wirklich guten Roman schreiben".

Die Jahre der Verrisse

Genau das freilich trat nur bedingt ein. Der Roman "Die Luftgängerin" (1998) war zwar nicht annähernd so schlecht, wie das deutschsprachige Feuilleton meinte, das geradezu Rache zu nehmen schien dafür, dass "Schlafes Bruder" mit Millionen-Auflagen und Übersetzungen in 36 Sprachen ein Erfolg gegen die Meinung der Mehrheit der Literaturkritik war. Doch wirklich gut war diese Erzählung über den Niedergang der fiktiven Ortschaft "Jacobsroth" nicht. Wenn Schneider seine Protagonistin als "letzten Herzensmenschen" des Ortes vorstellt, weiß man tatsächlich nicht, ob man es mit zuspäter romantischer Betulichkeit oder mit ironischer Brechung zu tun hat.

Es folgten "Die Unberührten" (2000), "Der Papst und das Mädchen" (2001) und "Schatten" (2002): Immer wieder behandelte Schneider das Thema seelisch reiner Außenseiter, die Tragödien künstlerisch begabter Menschen inmitten einer kunstfernen Umgebung. Schneider überträgt dabei musikalische Formen und Techniken, etwa variierte Wiederholungen, auf seine Sprache.

"Kristus" (2004) ist dann ein historischer Roman über das Täuferreich von Münster, geschrieben in einem barockisierenden Duktus, der sich auch in der Manier niederschlägt, zahlreiche Nebenhandlungen so detailreich auszuerzählen, dass sie die Haupthandlung überwuchern. Reine Literaturkritiker gerieten in Rage, wer freilich über Kenntnisse in musikalischer Kompositionstechnik verfügt, mag das für einen vielstimmigen Kontrapunkt halten, für einen Cantus-firmus-Satz, dessen Hauptthema auch schon einmal bis zum Verschwinden von Nebenstimmen überlagert wird.

Überraschender Humor

Dass Schneider in "Die Offenbarung" (2007), einem Roman über einen Musikforscher, der eine Johannes-Apokalypse-Vertonung von Johann Sebastian Bach findet, erst recht mit der Übertragung musikalischer Elemente auf die Sprache und die Textgestaltung spielt, versteht sich von selbst. Allerdings verwendet der Autor eine neue Diktion: Die Handlung ist bündig durchkonstruiert, Schneiders Neigung zum Mäandern ist gebändigt, seine Sprache humorvoll. Konnte man bisher nie sicher sein, ob Schneider den pathetischen Erhabenheit seiner Bücher wirklich ernst meinte oder ob dem Nachdruck doch auch eine ironische Brechung innewohnte, so war es in "Die Offenbarung" völlig klar: Wie kein Buch Schneiders zuvor nützt dieses einen pointierten Dialog und eine an Humor nahezu überbordende Sprache.

Folgerichtig entwickelte sich dieser Roman zu Schneiders größtem Erfolg nach "Schlafes Bruder", und auch das deutschsprachige Feuilleton zeigte sich mit einem Mal milde gestimmt und lobte diesen tatsächlich herausragenden Roman. Als hätte sich Reich-Ranickis Prophezeiung erfüllt und der Autor nun gezeigt, dass in dem Moment, da Thema und Sprache deckungsgleich sind, er ein Meisterwerk zu schreiben vermochte.

Neu anfangen

Dass Schneider bisher keinen weiteren Roman folgen ließ, stützt seine Querständigkeit zum Literaturbetrieb. Nicht nur, dass er, eigener Aussage zufolge, die Schriftsteller des alten Österreich, etwa Adalbert Stifter, Robert Musil oder Stefan Zweig, zu seinen Leitfiguren erkoren hatte: Schneider schlug auch verbal nach den Verrissen seiner mittleren Romane zurück. Dann verweigerte er sich der Öffentlichkeit und widmete sich seiner Familie: seiner Frau, einer Pilotin, und seinen drei Söhnen. Geldprobleme zogen Gerichtsverfahren nach sich, aber 2018 wurde der Autor schließlich vom Vorwurf des versuchten Betruges freigesprochen.

Seit 2015 ist klar, dass Schneider sich von der Schriftstellerei verabschiedet hat: "Ich wollte und konnte nicht mehr schreiben", sagte er. "Mit 50 Jahren habe ich mich also hingesetzt und mir alles von null an angeeignet." Er bleibe "Schriftsteller in Bildern". Nur mit dem wunderbar poetischen Kinderbuch "Der Schneeflockensammler" unterbrach Schneider seine Abstinenz von der literarischen Erzählung.

Heute arbeitet Schneider als Kolumnist für die "Kronen Zeitung" in Vorarlberg ("Schneiders Brille"), er sprach für eine Interviewreihe mit Menschen über Corona und porträtiert in der Serie "Die Letzten" Persönlichkeiten, die einem alten Handwerk nachgehen.

Robert Schneider hat bestimmt, mit welchem Buch sein Leben als Autor begonnen hat, und es scheint, als dürfte er auch bestimmt haben, mit welchem Buch es endet. Und obwohl "Die Offenbarung" eine gute Wahl dafür wäre, bleibt die Hoffnung, dass in dieser Frage das letzte Wort doch noch nicht gesprochen ist.