Mit der Kür des Ex-Juryvorsitzenden Hubert Winkels zum Eröffnungsredner der 45. Tage der deutschsprachigen Literatur wurde die althergebrachte "Klagenfurter Rede zur Literatur" heuer zur "Klagenfurter Rede zur Literaturkritik" und damit zur Kritik an den (nicht mehr so) jüngsten Entwicklungen im deutschsprachigen Feuilleton. Winkels eröffnete das Wettlesen am Mittwochabend mit einer Mischung aus düsterer Systemkritik und Lobpreisung des Formats "Bachmann-Preis".

Winkels - der seinen Auftritt genauso wie die Autorinnen und Autoren vorab aufgezeichnet hat - war anders als die Juroren nicht im ORF-Zentrum anwesend. Diese diskutieren nunmehr erstmals unter dem Vorsitz von Insa Wilke die 14 Texte. Für Winkels ist der Bachmann-Preis eines der letzten Formate, in dem der Literaturkritik noch gebührend Raum gegeben werde, wie er ausführte.

"Die diskursive Zusammenführung von sieben Stimmen mit je eigenem Ton, unterschiedlichen Argumenten und unterschwelligen Bekenntnissen, versieht den jeweiligen Text im Idealfall mit einer solchen Plastizität, dass ein abschließendes Urteil à la 'Gefällt mir' oder 'Gefällt mir nicht' gänzlich unterbleiben kann", nahm er auch Bezug auf einen Text von Jürgen Habermas und dessen durchaus kritische Sicht auf die Funktion des Web 2.0, das jedermann ein öffentliches Urteil ermögliche.

Kunstkritik in "dienender Funktion"

Die Kunstkritik sei "in dienende Funktion geraten, weniger den Kunstwerken und Büchern als vielmehr dem Publikum gegenüber", so der "Zeit"- und "Deutschlandfunk"-Literaturkritiker in Bezug auf die zunehmende Wichtigkeit von Klick-Zahlen. Doch "die Bewahrung eines Raums der anspruchsvollen Darstellung, von der Moderation über komplexen Sprachgebrauch und eine durchaus auch text-mimetisch operierende Dramaturgie bis zum ausführlichen Zitat" sei entscheidend, unterstrich Winkels und forderte eine Trendwende im literarische Feuilleton ein.

"Weniger launige Gespräche, keine scripted Interviews zwischen Moderator und Kritiker, weniger Autorengespräche", sondern "Zeit und Raum für das lesegenaue Sich Einlassen auf das Textgeschehen, für die Philologie gewordene Text-Gnostik, für die ständige Verwebung des kognitiven Zugriffs auf Text und Welt mit ihrer auch mimetisch vorangetriebenen sinnlichen Darstellung und Erfassung." Und so führte er am Ende eine "spezielle Kreativitätskompetenz der Literaturkritik" ins Feld, "die sich aus ihrer innigen Vertrautheit mit dem narrativen Gewebe der Welt ergibt". Diese könne in den kommenden Tagen ausführlich erlebt werden. Nachsatz: "Und kritisiert!" (apa)