Am Anfang stand der Kampf: gegen das Establishment, gegen die Großprofiteure des Kapitalismus, gegen die Ideologie von Besitz und Vermögenswucher. Wo der gemeinsame Feind klar feststeht, kann sich mehr entwickeln, mitunter gar eine Liebe.

Von dieser Begebenheit erzählt Ulrike Edschmids neuer Roman, "Levys Testament". Wir schreiben das Jahr 1972, als die Ich-Erzählerin auf jenen Mann trifft, dessen wendungsreichen Lebensweg sie uns nach und nach aus der Retrospektive erzählen wird.

Nachdem sie in der Londoner Hausbesetzerszene zueinanderfinden, nehmen sie bald schon als Beobachter eines Schauprozesses gegen anarchistische Überzeugungstäter teil: "Was die Menschen (...) auf der Anklagebank sagen, würden auch wir sagen. Was sie denken, denken auch wir. Was uns von ihnen trennt, ist nur ein kleiner, einmal getaner Schritt auf die andere Seite (...) Wenn wir aneinandergeschmiegt aus dem Gerichtsgebäude (...) gehen, erfahren wir unsere Freiheit jedes Mal als schmerzliches Glück, das am seidenen Faden hängt."

Politische Kunst

Doch wie so viele große Lieben der Literatur wird auch diese trotz gemeinsamer Ideale scheitern. Für den Protagonisten, den "Engländer", steht bis zuletzt eben vor allem der Aktivismus im Vordergrund. Seine Ambition bedeutet, das Patriarchat zu überwinden, den Neonazis die Stirn zu bieten und Geschichtsvergessenheit anzuprangern. Was gegen all diese Übel der Zeit hilft, mag zum einen der Aufstand der Demokraten, zum anderen auch das Instrumentarium der Kunst sein.

Nicht zuletzt aus diesem Grund wird aus dem frühen Rebellen, gemeinsam mit italienischen Laiendarstellern, ein in Frankfurt ansässiger Theatermacher. Gemeinsam inszenieren sie Dario Fos "Bezahlt wird nicht" und Carlo Goldonis "Streit in Chiozza". Auch eine Version der Odyssee wird von ihm realisiert.

- © Suhrkamp Verlag
© Suhrkamp Verlag

Themen der besagten Stücke sind bisweilen soziale Konflikte. Oder, wenn man an Homers Versepos denkt, die Vorstellung, dass der Mensch ein sich stetig weiterentwickelndes Subjekt darstellt. Das Vorbild für diese Idee und auch Edschmids Text liegt auf der Hand, nämlich Johann Wolfgang Goethes Roman "Wilhelm Meisters Lehrjahre", worin ja auch eine Figur die Irrwege der Existenz beschreitet, um schließlich im Theaterleben Sinnstiftung zu erfahren. Indem die 1940 geborene Autorin mit ihrem Plot darauf anspielt, schreibt sie sich somit in die Tradition des Bildungsromans ein. Sein Programm lautet: Erst durch Krisen wird man reifer und erfahrener.

Um sich allerdings selbst zu finden, bedarf es überdies eines Verhältnisses zur eigenen und kollektiven Geschichte. Als Prototyp des heimatlosen Wanderers erfährt der Engländer erst spät von den genauen Hintergründen seiner jüdischen Familie. In einem Ghetto wird ihm dabei das ganze Ausmaß der gesellschaftlichen und persönlichen Unwissenheit bzw. Vergessenheit bewusst: Dort "sind die Gassen wie ausgestorben. Keine Stille, eher ein dumpfes, drückendes Schweigen, unter dem die letzten Wohnstätten der jüdischen Bevölkerung immer tiefer ins Pflaster zu versinken scheinen (...). Während der Engländer auf dem menschenleeren Platz in der Sonne sitzt, wird er das Gefühl nicht los, als einziger Jude weit und breit in eine überdimensionale, aller Geschichte und überhaupt jeglicher Erinnerung beraubte Ansichtskarte hineingeraten zu sein."

Sich bewähren

In ihrer Neuauflage des jahrhundertealten Motivs vom ewigen Juden, der in der Diaspora nach Orientierung und Halt sucht, bedient sich Edschmid der bewährt-charakteristischen Mittel ihrer letzten Romane, die übrigens häufig in der Zeit des Deutschen Herbstes sowie den 70er Jahren verortet sind. Insbesondere die auf das Wesentlichste reduzierte Lakonie schafft nicht nur eine Nähe zu den Figuren, sondern hebt vor allem die existenzielle Grundierung des Textes hervor. Dessen Fokus gilt dem Menschen, der sich dem Schicksal ausgesetzt fühlt und, von den Widrigkeiten des Daseins erschüttert, immerzu neu bewähren muss. "Levys Testament" ist daher vor allem eines: ein Lehrbuch des Lebens.