Die am 5. Juli einen runden Geburtstag feiernde Autorin, Pflanzen- und Gartenexpertin Barbara Frischmuth legte vor kurzem einen imposanten Natur-Essay vor. Dieser erschien in der Reihe "Unruhe bewahren", die von Astrid Kury, Thomas Macho und Peter Strasser ediert wird und in der bereits Kurt Kotrschal und Michael Köhlmeier literarische Spuren hinterlassen haben.

Die aus Altaussee stammende, mit einem reichen Oeuvre gesegnete, jung gebliebene Hotelierstochter, deren Schatten in der Küche tanzt (so lautet der Titel ihrer neue Sammlung von Erzählungen über Frauenschicksale bei Aufbau Berlin), während sie große Texte verfasst, ist als Autorin hochaktiv. Der vorliegende Essay versucht - ebenso wissenschaftlich fundiert wie mit literarischer Kompetenz -, die Unschuld, welche der Natur eignet, zu durchleuchten und das vielfach Leben gebärende Phänomen der physis sprachlich zu erfassen. Anmerkungen fehlen, jedoch ist der Text voller Zitate, die über die Belesenheit der Autorin Auskunft geben. Zu einem dichten Netz webt sie ihre Gedanken über Flora und Fauna, aber auch über Themen mythologischer Natur.

Ein Fabelwesen

So erfährt der Leser, dass das Fabeltier Einhorn vielleicht einst als eine - letztlich nicht domestizierbare - Oryx-Antilope in karger Umgebung lebte; so genügsam und widerstandsfähig diese Art war, so bockig widersetzte sie sich dem dumpfen Schicksal des Weide- und Nutztiers. Das hat der von Frischmuth zitierte Evolutionsbiologe Josef Reichholf beschrieben, der das zweihörnige Savannentier als jenes Einhorn identifiziert hat, welches optisch einem Nashorn glich (und so einst Novalis und die Grimm-Brüder inspirierte), wogegen Letzterem Eugène Ionesco ein elegantes Denkmal setzt.

Frischmuths Text ist nicht rein ästhetisch angelegt: Sie lässt auch einmal Göttinnen sich um etwas matchen, und sie macht auch vor der Sars-Covid-19-Pandemie und dem Contact Tracing nicht Halt. All dies nimmt die Autorin mit in das Natur-Boot, das somit keineswegs einem beschaulichen Kahn gleicht, der durch stilles Auwasser gleitet. Frischmuth erkennt, dass die Seuche die Folge des "unnatürlichen", naturverachtenden Lebensstils der westlichen und östlichen Zivilisationen ist - die Seuche als Element und als contradictio der Natur, deren Pervertierung in Massentierhaltung und -tourismus das Unheil bewirkte.

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Pilze interessieren Frischmuth in ihrem subkutanen Networking, das jenem der Politik gleicht. Dass Pilze nicht nur im Verdauungstrakt und in Körperöffnungen logieren, sei angemerkt. Der Mensch kann sich eine Psoriasis versicolor, welche die Melanozyten auffrisst, von seiner eigenen Kopfhaut einholen. Diese "Solariumflecken" sind nicht unbedingt die schönste Seite der Natur. Das gilt auch für die eher ungustiöse Schaum-Zeugung der Aphrodite, die Frischmuth erwähnt und die der Verkörperung der Schönheit, als welche die antike Liebesgöttin gilt, krass entgegensteht.

Oscar Wilde hätte das philosophisch-mythologische Thema vermutlich anders angelegt, aber Frischmuth spricht, wie in der "Klosterschule", Klartext. Sie erwähnt Ernst Haeckel und "le temps", das französische Vokabel für Zeit, Klima und Wetter, das in der Philosophie von Michel Serres eine Rolle spielt. "Il fait beau temps" bedeutet schönes Wetter, was für die Natur, zumindest die Flora, allerdings ein relativer Begriff ist, da Regen den Pflanzen mehr frommt als Trockenheit. Für die Natur herrscht immer schönes Wetter, außer der Wald brennt wie in Australien, Griechenland und Kalifornien und bald bei uns. Aber selbst dann gewinnt die Natur nach rund einem Jahr wieder die Oberhand und aus dem Humus ersteigt, dem Phönix gleich, ein grünes Reich chlorophyllträchtiger Pflanzen.

Viel Wissen und somit viel Arbeit steckt in Frischmuths Essay. Der Text verdient einen Platz in der heutigen Schul- und Wissenslektüre, die indessen oftmals mit weniger Erfolg als die Autorin versucht, mit den Mitteln der Sprache, wie sie die grande dame der österreichischen Prosa beherrscht, beizukommen. Politische Exkurse fehlen nicht. Das Patriarchat entstand, weil Männer mehr Muskelkraft zur Rinderzucht hatten. Und heute? Da haben jene die Zügel in der Hand, an deren Ende ein paar Rinder den Karren weiterziehen oder Milch produzieren. Wobei sich Geschlechterrollen zweifellos geändert haben, was wertfrei zu ergänzen ist.

Die soziale Konnotation des Naturerlebens ist auch ein politisches Thema. Nicht von ungefähr nannte sich die "rote" Wanderbewegung "Naturfreunde". Die Autorin hat recht, wenn sie empfiehlt, sich einen Garten zuzulegen, um hier die Natur besser erleben zu können; wer einen hat, ist gesegnet und kann vor allem in der Dämmerung eine Vielfalt an Tieren beobachten, die sich auf den Weg machen, um Nahrung oder Partner zu suchen.

Ein Flecken Grün

Aber viele Wiener Familien, die sich sehnlich einen Garten wünschen, haben die materiellen Mittel dazu nicht. Mittlerweile werden auch keine neuen Kleingartengebiete mehr erschlossen, der letzte freie Baugrund in Transdanubien muss für Wohnbau herhalten. Das "soziale" Wien hat die Tradition der Zwanzigerjahre nicht fortgeführt, der einst dem Proletarier überlassene Kleingarten ist mittlerweile ein Luxusgut, in dem nicht selten ein Funktionär logiert.

Wo immer man einen Schnitt macht, bleibt eine Wunde, aber manchmal fördert der Schnitt auch das Wachstum, meint die Autorin, und mit ihr sagt es der Klappentext. Frischmuths solcherart veredelter Natur-Essay ist lesenswert, leitet dank pointierter Zitate weiter und fußt neben dem Können und Wissen der Autorin auf jenem Naturerleben, das sie tagtäglich für sich verbuchen kann. Ad multos annos!