Dorothy Whipple (1893–1966) ist nach dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit geraten. 
- © Kein & Aber

Dorothy Whipple (1893–1966) ist nach dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit geraten.

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Der titelgebende Gast in diesem Roman, Louise, eine junge Französin, gibt in der "Times" ein Inserat auf, und Mrs. North, eine wohlhabende ältere Dame, antwortet darauf. So kommt es, dass Louise für eine Zeit lang als Gesellschafterin der älteren Dame nach England zieht. Mrs. North gewinnt sie so lieb, dass sie ihr eine beträchtliche Summe vermacht, und als sie stirbt und Louise von der Familie deswegen benachrichtigt wird, kommt sie nochmals auf die Insel, um das Geld persönlich in Empfang zu nehmen. Es ist die Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, und Banküberweisungen erscheinen wenig vertrauenerweckend.

Bis alles erledigt ist, darf Louise bei der Familie North jun. wohnen. Es handelt sich hiebei um die denkbar glücklichste Familie auf Gottes weiter Erde, und Louise scheint extra zu dem Zweck auf selbige gekommen zu sein, um diesen Zustand zu beenden. Sie macht sich nämlich daran, den guten Mr. North zu verführen. Auf diese Weise, so denkt sie, wird sie über die Enttäuschung hinwegkommen, von ihrem vorherigen Liebhaber, dem Sohn reicher Leute, sitzengelassen worden zu sein.

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Der Rest der Geschichte darf selbstverständlich nicht verraten werden, nur so viel, dass sich hier nämlich unter einem ruhigen, im besten Sinn traditionellen und stellenweise sehr witzigen Erzählton eine ziemlich abgefeimte Erzählerin umtut, die einen bald so am Bändchen hat wie die böse Louise den guten Avery North und einen bis zum Ende nicht mehr loslässt.

Dorothy Whipple war in der Zeit zwischen den Weltkriegen sehr erfolgreich; nach 1945 entstand nur noch dieser eine Roman, den damals niemand rezensierte, niemand kaufte, niemand las: Ein bitteres Schicksal, das schon manchen Schreiber getroffen hat und nun dank der Umtriebigkeit der englischen Buchhandlung Persephone Books, die auch Bücher herausgibt, posthum ein bisschen abgemildert werden kann. Zu hoffen bleibt, dass nun auch das deutschsprachige Lesepublikum die Anregung aufgreift.