Viele Fans von Anime und Manga sind nicht bloß Fans. Sie zeichnen ihre Lieblingscharaktere nach und kreieren ganz neue Geschichten. Im Ursprungsland Japan boomte diese kaum legale Kultur liebevoller Raubkopien über Jahre - bis Corona kam. Seitdem fragt man sich, wie es weitergeht.

So langsam verliert Toire den Mut. "Seit zehn Jahren zeichne ich Doujinshi", sagt der 35-Jährige von einem Internetcafé aus und blickt geknickt in die Kamera. "Dieses Umdenken und Zeichnen war wirklich mein größtes Hobby." Wöchentlich verschlingt der Angestellte aus dem Bausektor in Tokio nach Feierabend Geschichten aus Anime und Manga, der japanischen Kultur von Zeichentrick und Comic. Und dann macht er sich seine Lieblingsfiguren zu eigen, verleiht ihnen andere Rollen und baut mit ihnen eine neue Geschichte.

In Japan ist Toire, dessen Pseudonym sich mit "Toilette" übersetzt, einer von vielen. Mindestens eine halbe Million Anhänger zählt die Subkultur namens Doujinshi, was auf Deutsch so viel heißt wie: "die Magazine Gleichgesinnter" oder Fanmanga. Wenn sich diese Szene in den letzten Jahren getroffen hat, war regelmäßig die größte Messehalle Japans voll. Dort kauft und verkauft man dann von Fans neugezeichnete Hefte, die nach Captain Tsubasa, Sailor Moon, One Piece oder anderen Klassikern aussehen.

Aber jedes Mal unterscheiden sich die berühmten Charaktere doch unverkennbar vom Original. Einmal werden aus verfeindeten Helden schwule Liebhaber, ein anderes Mal treffen Protagonisten aus ganz verschiedenen Welten aufeinander. Was juristisch gesehen zweifellos illegal ist, weil es das Urheberrecht verletzt, lässt sich zugleich als große Liebeserklärung von Fans an ihre Autorenidole verstehen. Es ist eine Demokratisierung und Weiterentwicklung literarischer Werke.

Aber teilweise ist es auch Kommerzialisierung und eine Art Piraterie. Nicht zuletzt deshalb tritt man in der Szene meist anonym auf. Schließlich verdienen sich einige Doujinshika, wie die Zeichnenden heißen, mit ihren Werken, die sie ohne ein berühmtes Original niemals hätten schaffen können, ihren Lebensunterhalt. Um dieses Gebaren herum haben sich landesweit auch schon um die 100 Druckereien auf die Fanmanga spezialisiert. Sie bieten Farb- und Glitzerdruck an, verschiedene Formate und diverse Papiersorten. Reichlich Kunden waren ihnen bisher sicher: Über die letzten Jahre wurde die Doujinshi-Szene immer größer.

Austausch auf Messen

"Mich fasziniert, dass es wirklich von allen möglichen Fandoms solche Geschichten gibt", sagt Katharina Hülsmann, die an der Universität Düsseldorf gerade eine Doktorarbeit zum Thema geschrieben hat. Die meisten Zeichnerinnen bewege dabei nicht die Lust am Rechtsbruch, sondern ein bestimmtes Gefühl: "Man ist Fan von etwas und fühlt sich vielleicht im Alltag etwas allein damit. Und dann findet man irgendwo in Japan jemanden, der das auch mag." So tausche man sich vor allem auf den regelmäßigen Messen miteinander aus, über alle möglichen Plots und Wendungen, die in den gemeinsamen Lieblingsgeschichten noch denkbar wären.

"In meinem neuesten Werk hab ich das Maskottchen einer großen japanischen Getränkeautomatenfirma in eine Geschichte verwoben", berichtet Toire. Selbst für solche eher abwegigen Ideen gibt es Abnehmer. Auf der Comiket, der größten Doujinshi-Messe des Landes, hat er pro Heft immer 300 Yen eingenommen, also rund 2,50 Euro. "Das finanziert mir die Druckkosten." Und vielleicht einen kleinen Überschuss. Aber dieser Tage bleibt Toire auf den hunderten Exemplaren, die er für die Messe gedruckt hat, zum wiederholten Male sitzen.

Wegen der Pandemie wurde die für Frühjahr geplante Messe Comiket schon zum zweiten Mal abgesagt. So gerät eine hochkreative Subkultur in Bedrängnis. "Es kann nicht ewig so weitergehen", sagt die Japanologin Katharina Hülsmann. "Für die Szene ist das Face-to-face-Treffen total wichtig. Zu sehen, dass Personen aus dem ganzen Land anreisen, um diese Werke zu erwerben: Das fehlt denen, die Doujinshi zeichnen, jetzt ziemlich." Je länger die Pandemie andauert, desto mehr Doujinshi-Zeichner könnten ihr oft mit hohem Einsatz betriebenes Hobby aufgeben.

Gerade die großen Manga- und Anime-Verlage würden dies kaum bedauern. Weitgehend toleriert wird die Praxis schließlich nur, weil ein Verlag, der gegen Doujinhshika klagt, einen Großteil seiner Fans verprellen würde. So wurde bisher nur selten zum Rechtsmittel gegriffen. Aber wann, dann hatte es schwere Folgen. Vor Jahren klagte Nintendo gegen einen Doujinshi-Zeichner, nachdem dieser aus den Figuren Pikachu und Ash ein schwules Paar gemacht hatte. Der Vorwurf der Sodomie stand im Raum. Der Prozess, den Nintendo für sich entschied, hatte einen bedrohlichen Effekt auf die Szene. An Pokémon-Adaptionen traut sich heute kaum noch jemand.

Nun befürchten einige Doujinshika, dass größere Verlage die Pandemie nutzen könnten, um der schon geschwächten Szene mit gezielten Klagen noch weiteres Leben zu entziehen. "Ich hatte noch nie rechtliche Probleme", sagt etwa Toire. "Aber meine Werke sind wohl höchstens eine Grauzone." Vor Gericht, glaubt er, hätte er keine Chance. Zu deutlich lassen sich seine Figuren als Abwandlungen rechtlich geschützter Charaktere erkennen. "Wahrscheinlich wird es weiterhin kein Problem geben." Aber man wisse nie.

Online ist alles sichtbarer

Tayori Shimodzuki, ein Freund von Toire, der gerne Charaktere aus verschiedenen Manga-Geschichten aufeinandertreffen lässt, hält das Leben ohne Doujinshi-Messen nicht mehr aus. Per Videochat hat er sich aus seinem Wohnzimmer in einer Stadt in Nordjapan zugeschaltet. "Weil es im Moment keine Messen mehr gibt, biete ich meine Werke jetzt auch als PDF an", sagt er. "Ich nehme 200 Yen das Stück. Und ich habe natürlich keine Druckkosten. Im Prinzip ist das also viel ökonomischer."

Der Haken dabei: Online ist alles viel sichtbarer. "Das ist ein Grund, warum ich lieber wieder zurück in die Messehallen will." Das sei nicht nur der vor möglichen Klägern sicherste Raum. Es sei auch einer, an dem es mehr Spaß macht, seine Werke zu verkaufen. "Weil man sieht, dass dein eigenes Nischeninteresse auch andere begeistert."

Um seine Verkäufe nach der Pandemie etwas zu erhöhen, hat Tayori Shimodzuki zuletzt angefangen, zu seinen Raubkopie-Mangas noch Soundtracks zu komponieren. Auch hier hat er sich reichlich bei seinen Lieblingssendungen aus der Animewelt bedient. Deswegen bietet er die Songs lieber nicht online an, sondern presst sie auf CD. Für die Zeit, wenn man sich wieder in großen Messehallen treffen kann.