Robin Alexander, 46, gilt als einer jener wenigen innenpolitischen Journalisten Deutschlands, die seit Jahren schon über intime Kenntnisse darüber verfügen, was im Maschinenraum der politischen Macht Deutschlands, dem Berliner Bundeskanzleramt, wirklich los ist. Seine Reportagen und Analysen in der "Welt", deren stellvertretender Chefredakteur Alexander ist, bestechen durch Präzision, Detailverliebtheit und vor allem fast immer durch exklusive Informationen, die der Konkurrenz fehlen.

Besonders in den großen Krisen, die Angela Merkels Kanzlerschaft determinierten, war Robin Alexander verlässlich zur Stelle, von der Euro-Krise über die Völkerwanderung der Jahre 2015/16 bis hin zur jüngsten Großkrise, der Corona-Pandemie.

Schon die Geschehnisse des Jahres 2015 packte er in ein Buch, das minutiös beschrieb, was rund um den Ansturm von Millionen Migranten im deutschen Machtzentrum geschah und vor allem auch nicht geschah. "Die Getriebenen - Merkel und die Flüchtlingspolitik", erschienen 2017, wurde zu einem Bestseller und zur Grundlage der gleichnamigen ARD-Dokumentation. Und nun also "Machtverfall - Merkels Ende und das Drama der deutschen Politik", Alexanders neuestes Werk und wie zu erwarten vom Start vor wenigen Wochen weg auf der Spiegel-Bestsellerliste zu finden.

Ein wesentlicher Teil des Erfolges seiner Bücher dürfte dem Stil geschuldet sein, in dem sie geschrieben sind: eine Art von "Dokutainment", die Sachinformation mit Schlüssellochperspektive verbindet, was Spannung und voyeuristischen Kitzel erzeugt. Über eine Sitzung des CDU-Vorstandes berichtet er nicht nur, wer dabei wie argumentiert hat, sondern auch, wer wann blass geworden ist, um Atem gerungen hat oder auf eine Zigarette hinausgegangen ist; Details, die unwichtig sind, aber Spannung erzeugen und Stimmung vermitteln.

Inhaltlich spannt Alexander seinen Text über die letzten Tage der Kanzlerin von ihrem Antrittsbesuch bei Donald Trump am 16. März 2017 bis zu jener Sitzung der maßgeblichen Politiker von CDU und CSU, bei der Armin Laschet über den Bayer Markus Söder obsiegte und so Kanzlerkandidat der C-Parteien wurde.

"Lethargokratie"

Dass Merkel erst jetzt, 2021 das Kanzleramt verlässt, beschreibt Alexander als Folge des Wahlsieges von Donald Trump. Der habe sie bewogen, als geopolitisches Gegengewicht zu Trump noch eine Periode zu dienen. Ihr lange gehegter Wunsch, anders als etwa ihr Vorgänger und Mentor Helmut Kohl selbstbestimmt das Amt zu verlassen, weicht bald der Erkenntnis, als letzte noch verbliebene liberale Kraft einer der größeren Nationen des Westens die gewohnte Ordnung noch ein paar Jahre aufrechterhalten zu müssen. Als Mutti der ganzen Welt gleichsam; ein möglicherweise etwas anmaßender Gedanke.

Was Merkel das zweifelhafte Vergnügen verschaffte, auch noch die Corona-Krise bewältigen zu müssen; der Autor zitiert in diesem Kontext den Philosophen Peter Sloterdijk, der Angela Merkels Art, Politik zu betreiben, einmal als "Lethargokratie" denunziert hat. Deutschland, analysiert Alexander, "erlebt sich in der Pandemie als schlecht regiertes Land. Sogar die Regierenden selbst gehen sich auf die Nerven. ,Ich weiß nicht, was sie getrunken haben‘, ätzte etwa der Bayer Söder bei einem Streit ums Geld gegen den SPD-Finanzminister Olaf Scholz, "Sie brauchen gar nicht so schlumpfig herumzugrinsen!" Was den Autor zur Diagnose animiert, "Merkels letzte Etappe ihrer Amtszeit hatte im Weißen Haus begonnen. Sie endet in Schlumpfhausen."

Während wir erfahren, wie mühsam sich die Kanzlerin durch die Corona-Monate mehr schlecht als recht, und immer öfter sichtbar matt und müde gefrettet, berichtet Alexander parallel dazu von den Intrigen, den Revierkämpfen und den Rankünen in der Frage, wer Merkel nachfolgen soll. Dabei spielt, wenn auch eher am Rande, auch Sebastian Kurz eine gewisse Rolle. So warnte etwa Wolfgang Schäuble, der große alte Mann der CDU und amtierender Bundestagspräsident davor, Markus Söder zum Kanzlerkandidaten zu machen mit dem Hinweis: "Wenn wir uns Söder beugen, dann ist unsere CDU tot. Dann treten wir in vier Jahren als Liste Söder an", so wie das ja auch Kanzler Kurz mit Erfolg probiert hatte.

Mittlerweile wissen wir, dass sich die CDU nicht gebeugt hat und einen ganz anderen Weg geht als ihre österreichische Schwesterpartei. Ob das eine richtige Entscheidung war, werden wir nach der Bundestagswahl im September erfahren.