Um einen jungen Mann und die große Liebe ging es in Susanne Falks Roman "Anatol studiert das Leben". In ihrem Nachfolgebuch "Johanna spielt das Leben" geht es nun um eine Große ohne Liebe. Eigentlich ist es eine Art Prequel zum Anatol-Roman: Es geht um seine Großmutter, die wir von ihrer Jugend bis ins Erwachsenenleben begleiten. Als 19-Jährige macht sie sich in der Mitte des 20. Jahrhunderts einen Namen in der Wiener Schauspielszene, ist auf Du und Du mit Oskar Werner und Josef Meinrad, heiratet einen langweiligen Anzugträger, der ihr aber eine gesicherte Existenz verspricht, wird Mutter - und hadert mit ihrem Leben. Denn Mutterrolle und Bühnenrolle, das geht nur schwer zusammen in den 1960er Jahren, und die Halbwertszeit einer Schauspielerin ist kürzer als die eines Autos (ein heute eher unpassender Vergleich, aber für das Buch dann doch wieder stimmig). 

Autorin Susanne Falk fängt eindrücklich den Zeitgeist einer Gesellschaft ein, die einerseits eine Aufbruchstimmung nach dem Krieg erlebt und sich neue Helden und Idole sucht, die sie feiern kann. Und die andererseits immer noch gefangen ist in alten Rollenmustern. In der eine Frau von ihrem Mann abhängig ist, da kann sie noch so stark sein. In der sie sich ihre Freiräume erkämpfen muss, oft unter Einsatz  nicht ganz fairer Mittel. In der Sexismus bestenfalls als Fremdwort im Duden steht, aber nicht im allgemeinen Sprachgebrauch vorkommt, sondern einfach als normales Männerverhalten hingenommen wird. In der aber auch das Burgtheater eine Glanzzeit erlebt und Stars wie den großen Josef Meinrad hervorbringt.

Wir fiebern mit der fiktiven Theaterdiva Johanna Neuendorff (die eigentlich Jedlicka heißt und aus dem tiefsten Favoriten kommt) mit, erleben ihren Aufstieg und drohenden Niedergang, als das Familienleben mit ihrem Ehemann, dem Juristen Georg und der kleinen Tochter Lore sie einengt und ihre Karriere bedroht, sehen sie leiden bei privaten und beruflichen Katastrophen und um ihre Position in der Szene und vor allem an der Burg kämpfen. Und wir erfahren, warum ihr Enkel später Anatol heißen wird.

Trotz vieler Zeitsprünge zwischen 1949 und 1961 findet man sich in Susanne Falks Erzählung gut zurecht. Sie schafft plastische Charaktere - selbst der farblose Jurist Georg ist eigentlich eine bunte Figur. Es ist auch eine Annäherung an Josef Meinrad, der als realer Anker die fiktive Geschichte festhält. Und dem die Autorin einiges zuschreibet, dem sich der 1996 verstorbene Burgstar und Kammerschauspieler freilich nicht mehr verwehren kann. Und für gelernte Wiener hat sie auch ein paar Bonmonts parat, wenn Johanna von der Döblinger Villa mit dem Kinderwagen zu ihren Eltern in den 10. Bezirk pilgert.

Auch das Spannungsfeld Großbürgertum vs. "kleine Leute" arbeitet die Autorin durch. Das alles mit einem Sprachstil, der dem Plot seine durchaus vorhandene Schwere nimmt. Und auch wenn man nicht alles gutheißt, was die Diva Johanna so aufführt, muss man doch attestieren, dass man ihr Verhalten aus ihrer Lebensgeschichte heraus nachvollziehen kann. Es ist eine ambivalente Figur, die einen trotz allem bis zum Ende mitreißt.