Wer aufmerksam Zeitung las, wusste es eh. Doch spätestens, seit Jens Balzer 2016 mit "Pop. Ein Panorama der Gegenwart" als Buchautor debütierte, kann kaum ein Zweifel daran bestehen, dass er der vielleicht wichtigste Popmusikkritiker Deutschlands ist.

In seiner kompetenten Rundumschau in Sachen Pop zeigte Balzer nicht nur Verbindungen zwischen völlig entgegengesetzten Künstlern (wie etwa Rammstein und Helene Fischer) auf, er entwickelte darin auch eine veritable Theorie der Popmusik-Historie im 21. Jahrhundert. Diese führte vom Niedergang des männlichen Gitarrenrock (The Strokes, The Libertines) zur zunehmenden Dominanz von Musikerinnen (seien es Amy Winehouse und Adele oder Holly Herndon und FKA Twigs).

Diversifizierung

Anhand der Lärmartisten Sunn O))), der vollbärtigen Neo-Folker oder der postheroischen Protestmusik von Kendrick Lamar demonstrierte Balzer, wie diese Entwicklung die Geschlechtermatrix der heutigen Poplandschaft prägt, in der nihilistische Feministinnen auf männliche Ingenieure des Selbst treffen, irgendwo in dem weiten kulturellen Feld, das sich von Hauntology bis Retromania erstreckt.

Im 2019 erschienenen Langessay "Pop und Populismus. Über Verantwortung in der Musik" wiederum zeigte Balzer, wie beständiger Tabubruch und notorische Grenzüberschreitung in bestimmten Bereichen der Popmusik zu einem unwillentlichen Schulterschluss mit politisch rechten Kräften führt. Die unheilige Verknüpfung von prononcierter Aggression bei gleichzeitiger Einnahme einer Opferrolle, so begreift man, vereint migrantischen Gangsta-Rap mit der verlogenen Selbstinszenierung von Rechtspopulisten. Balzers Rang als Popkommentator begründet sich entsprechend nicht nur in seiner popmusikalischen Expertise. Nie verliert er nämlich aus dem Blick, dass Popkultur - zumal in unseren traurigen, ungenügenden Zeiten - nicht nur eine politische Rolle spielt, sondern zudem eminente soziale Verantwortung besitzt.

Ebenso 2019 erschien dann mit "Das entfesselte Jahrzehnt. Sound und Geist der 70er" sein viel gelobtes Epochenporträt eines besonderen Jahrzehnts, in dem die in den 1960er Jahren noch relativ homogene Popmusik sich diversifizierte und vielfältig mit sozialen Entwicklungen verzahnte. Balzer legte anschaulich dar, wie die emanzipative Gegenkultur der Hippie-Ära in den Siebzigern in den sozialen Mainstream einging und unsere westlichen Gesellschaften nachhaltig veränderte. Die Stärke von "Das entfesselte Jahrzehnt" bestand darin, dass Balzer seine Zeitdiagnose weit über das engere Feld der Popmusik und Popkultur ausweitete, indem er sie in übergreifende historische, ökonomische und weltpolitische Zusammenhänge einband.

Thatcher und "Thriller"

Wenn nun, nur zwei Jahre später, mit "High Energy. Die Achtziger - das pulsierende Jahrzehnt" der Nachfolgeband erscheint, so kündigt sich darin wohl der ambitiöse Versuch einer dekadenhaften Kulturgeschichtsschreibung unserer Gegenwart durch das Prisma der Popkultur an. Nun also stehen die 1980er Jahre auf dem Programm, die in soziopolitischer Hinsicht sicher kein gutes Jahrzehnt waren: Thatcher, Reagan und Kohl führten den Neoliberalismus in ihren Ländern ein, mit den bekannten desaströsen Folgen bis heute. Die Yuppies waren die ersten Profiteure dieser Entfesselung des Realkapitalismus, der ökonomische Zwang zur Selbstoptimierung wurde dann via Aerobic-Trend und Jogging-Rausch auf den eigenen Körper übertragen, während Aids die gesamte Gesellschaft veränderte.

Und ohnehin spielte sich alles vor dem Hintergrund der Spannungen des Kalten Kriegs ab, der nicht nur in der popkulturellen Imagination, sondern auch der Realität zu einer gegenseitigen nuklearen Vernichtung von West- und Osteuropa hätte führen können. Der GAU in Tschernobyl demonstrierte eindrücklich, dass nukleare Katastrophen sehr wohl Wirklichkeit werden können.

Wo Gefahr aber droht, wächst das Rettende - so hofft man zumindest. In popkultureller Hinsicht weist Balzer auf die Vielzahl der Entwicklungen hin, die in den 1980er Jahren begannen und bis heute kaum mehr aus unserem Leben wegzudenken sind: Er analysiert den politischen Aufstieg der ökologischen Protestbewegung in Gestalt der Grünen, widmet dem Hip-Hop als Form schwarzer Selbstermächtigung ein kenntnisreiches Kapitel oder kontextualisiert die Figur des Zombies im Spannungsraum zwischen Schulhof-Schmuddelfilm und bahnbrechendem "Thriller"-Musikvideo.

Der Siegeszug von Videokassetten und Videotheken einerseits, MTV und Musikvideos andererseits ist ein Teil des großen Medienwandels in den Achtzigern, den "High Energy" verhandelt. Ebenso erinnert Balzer daran, was die Mobilisierung des Musikhörens durch den Walkman seitdem für die Präsenz von Popmusik bedeutet, beleuchtet aber vor allem jenen Wandel, der unser Leben und unseren Alltag wie sonst nichts revolutionierte: die Digitalisierung.

Nicht nur die neue Videospielkultur um Pong, Mario und Space Invaders, mit der die Digitalära zuerst ins Kinderzimmer einzog, kommt dabei in den Blick, sondern auch die subversive Hackerszene samt der beginnenden Heimcomputerkultur werden als Wurzeln unserer heutigen Computerwelt beleuchtet.

Vergessene Details

Immer wieder gelingt es Balzer, so überraschende wie aufschlussreiche Zusammenhänge aufzuzeigen: So erfährt man, wie die (Neu-)Entdeckung von Pesto mit den ersten, kastenartigen Mobiltelefonen zusammenhängt, oder welche bedeutsame Rolle der Atomkriegsfilm "The Day After" (1983) für die visuelle Imagination eines nuklearen Blitzes und der körperlichen Folgen radioaktiver Verstrahlung gehabt hat.

Mit "High Energy" gelingt Balzer nicht nur ein eindrucksvoller Epochenüberblick; dass sein an vielen vergessenen Details überreiches Buch zudem so lebendig wirkt, liegt sicher daran, dass der 1969 geborene Autor seine Jugend und Popsozialisation just in dieser Dekade erlebte. Umso gespannter darf man sein, was er im hoffentlich geplanten Nachfolgewerk über die Neunziger berichten wird.