Kombinationen von Wort und Bild, Literatur und Kunst haben immer einen speziellen Reiz, da sie ein Spannungsfeld zwischen den Kunstmedien eröffnen, von dem beide Seiten zu profitieren vermögen. Man betrachtet Sprach- und Bildkunst mit gleichsam anderen Augen, wenn man sie als einen intermedialen Dialog versteht, der Unterschiedliches zusammenfügt.

Besonders interessant wird eine solche Kollaboration, wenn es sich bei den Beteiligten um ästhetisch Geistesverwandte handelt, so wie beispielsweise im Fall der Bild-Text-Bände, die unlängst Hans Magnus Enzensberger und Jan Peter Tripp oder Alexander Kluge und Gerhard Richter publiziert haben. Noch spannender wird es, wenn die Verwandtschaft eine tatsächliche ist - so wie beim Vater-Tochter-Gespann von Martin und Alissa Walser, die den schönen Band "Sprachlaub, oder: Wahr ist, was schön ist" als familiäre Teamarbeit erstellt haben.

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Diese Paarung nun ist keineswegs von einer durch die Generationenfolge bestimmten Hierarchie geprägt, indem die Tochter die lyrischen Kurztexte ihres Vaters illustriert. Nein, die 1992 mit dem
Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnete Alissa Walser hat sich schon seit einigen Jahrzehnten als hervorragende Autorin erwiesen und ist, im Gegensatz zum Vater, ein veritables Doppeltalent, da sie zudem als Künstlerin tätig ist und ihre Bilder international in Galerien ausgestellt hat.

In "Sprachlaub" sind Aquarelle zu finden, deren naturgemäße Luftigkeit (die aus der Wässrigkeit der Farben herrührt) nicht nur zur sprachlichen Luftigkeit der kurzen Texte ihres Vaters passt; nicht selten beschäftigen sie sich mit Natur und den Elementen sowie dem Vergehen der Zeit, wozu wiederum die jahreszeitlichen Farben passen, die Alissa Walser für ihre Kunstwerke ausgewählt hat. Diese bleiben durchweg abstrakt, die Künstlerin arbeitet mit breiten wie schmalen Pinselstrichen, wobei sie nicht selten viel Weiß auf ihren Bildflächen übrig lässt. Dadurch ergibt sich eine Dynamik in der Abfolge der Bildwerke, die sich wiederum mit den kleinen Sprachkunstwerken von Martin Walser sowohl kreuzt wie verbindet.

Dieser hat bekanntlich das stolze Alter von 94 Jahren erreicht, will aber offensichtlich nicht darauf verzichten, seine große Leserschaft, die ihm trotz gewisser Peinlichkeiten in den letzten Jahren unverändert die Treue hält, jedes Jahr mit einem Buch zu beglücken. Das ist ohnehin Wunder genug, und mehr als lyrische Kurzprosa darf und kann man in seinem fortgeschrittenen Alter kaum erwarten, doch sind seine Notate voller Poesie und geläuterter Gedankenschärfe. Wie beispielsweise: "Gehen müssen unverrichteter Dinge. / Angerichtet als Fragment, / nicht anders als andere, und doch / anders." Oder: "Über den Rändern abgewrackter Träume / sehe ich den farblosen Streifen / Datum, Gewohnheit, Hoffnung."

Begegnungen

Der besondere Rhythmus von "Sprachlaub" rührt nun daher, dass der Band Wort und Bild nicht in ein strenges Schema der Illus-tration von Texten presst, sondern dem Eigensinn der jeweiligen Ausdrucksform Raum bietet, indem sich beide Medien manchmal auf einer Doppelseite begegnen, es aber ebenso Doppelseiten gibt, die allein den schwungvollen Aquarellen von Alissa Walser gewidmet sind, während Martin Walser jede seiner alleinigen Doppelseiten in unterschiedlicher Weise nutzt: mit mehr oder weniger Texten, die teils oben und unten oder mittig angeordnet werden, sodass sich auch hier ein visueller Bogen ergibt, der das Schweifen der dichterischen Gedanken wie die Pinselzüge der Tochter nachahmt. Einsam, zentriert auf der Mitte einer Seite steht ein lyrisches Notat wie: "Nirgendshin als zum Ende / drängt jeder Gedanke und / stößt sich wund / an der unsichtbaren / undurchdringlichen / Wand."

Im wundervollen Gemeinschaftswerk von Tochter und Vater Walser aber gelingt es, just das herzustellen, was der Untertitel von "Sprachlaub" beschwört: Wahr ist, was schön ist.