Als George Orwell am 21. Jänner 1950 mit nur 46 Jahren im University College Hospital in London starb, konnte er gewiss sein, dass sein Nachruhm in guten Händen lag. Nur fünf Wochen zuvor hatte er vom Spitalsbett aus die junge Literaturredakteurin Sonia Brownell geheiratet. Von ihr, einer umtriebigen, editorisch bewanderten Schönheit, konnte er erwarten, dass sie, schon im eigenen Tantiemen-Interesse, viel für die Verbreitung seines Werks unternehmen würde.

Tatsächlich hat sich Sonia Orwell mit ganzer Kraft für die breitflächige Rezeption von "Farm der Tiere" und "1984" eingesetzt, den beiden politisch wirkungsmächtigsten Werken ihres Mannes. Begünstigt durch die Stimmung im Kalten Krieg gelang es ihr, beide Bücher zu Weltruhm zu katapultieren - zumindest in der westlichen Welt, denn jenseits des Eisernen Vorhangs war Orwell, dieser Entlarver totalitärer Denk- und Machtsysteme, der von den Machthabern meistgehasste, daher radikal unterdrückte Autor.

Umso nachdrücklicher war Orwells Propagierung als antikommunistisches Sprachrohr bei uns. Zweifellos bebte in seiner 1944 entstandenen Revolutionssatire "Farm der Tiere" noch das Entsetzen des Autors über den längst ruchbar gewordenen, von den Alliierten aber aus Kriegstaktik und Bündnistreue verschwiegenen stalinistischen Staatsterror nach.

Hellsichtiger Warner

Doch spätestens seine vier Jahre nachher entstandene Horrorvision "1984" zeigte ihn als hellsichtigen Warner vor jeglicher Entindividualisierung in modernen Massengesellschaften, in denen politische Manipulation und die Überwachung von Privatsphäre, Bewusstsein, Sprache und Gedächtnis unweigerlich zur Festsetzung totalitärer Systeme führen. Diese Gefahr droht dem liberalen Staat nach dem Urteil Orwells, der hier seine Erfahrungen mit Faschismus und Kommunismus, besonders aber als Mitarbeiter von BBC und britischem Geheimdienst im Propagandakrieg gegen Nazideutschland perspektivisch in eine schlimmstmögliche Zukunft verlängerte, von rechts wie von links.

Woher stammte die intellektuelle Empfindlichkeit gegenüber Unterdrückung und Machtmanipulation bei einem Autor, der, 1903 als Kind des britischen Empire in Bengalen geboren, mit bürgerlichem Namen Eric Arthur Blair hieß und sich als Schriftsteller auf Wunsch seines Verlegers George Orwell nannte?

Prägend waren gewiss zunächst die von starken Reglementierungen gezeichneten Jugendjahre als geduldeter Stipendiat aus ärmlichen Verhältnissen in einer englischen Privatschule. In einem zu seinen Lebzeiten nie veröffentlichten Text, "Such, Such Were the Joys", schilderte er die Internatszeit als jahrelanges demütigendes Martyrium, mit einer Internatsleiterin, die als Despotin jene machtlüsternen Charakterzüge aufweist, wie sie später seine Erfindung des Großen Bruders in "1984" kennzeichnet.

Etwas gemäßigter ging es für ihn in der Eliteschule Eton zu, wo er freilich mit einem Stipendium als King’s Scholar ebenfalls die Herablassung der im englischen Klassensystem Bessergestellten zu spüren meinte. Dem Schriftsteller George Orwell blieb aus solchen Erfahrungen das Gefühl für die durch harte soziale Zwänge bedrohte Individualität erhalten - und für die Ohnmacht der durch Armut Deklassierten.

Nachdem ihm das Studium aus Geldmangel verwehrt blieb, verdingte sich Eric Blair als 20-Jähriger gemäß väterlichem Vorbild für fünf Jahre Kolonialdienst als Polizeioffizier in Burma. Hier kam er mit der geballten Macht des britischen Imperialismus in Berührung. Die wichtigste Erfahrung, die ihn seine Teilnahme an dem rigiden Unterdrückungssystem lehrte, war, dass das System in ausgeklügelten Formen auch die Machthaber unterdrückt. Die fortwährende Selbstbehauptung als Eroberer und Repräsentant des Empire ließ zersetzende Kräfte frei, die häufig in Gewaltausübung, blanken Zynismus, Hass und selbstzerstörerische Abhängigkeit von Rauschmitteln mündete.

Gleich in seinen ersten Erzählungen - "Einen Mann hängen", "Einen Elefanten erschießen" -, vor allem aber in dem 1935 erstmals erschienenen Roman "Tage in Burma" rechnete der Autor später gnadenlos mit sich und seinesgleichen ab, die als Vorposten des Empire den Imperialismus gestützt hatten.

Eine neue Übersetzung von "Burmese Days" im Dörlemann Verlag lenkt das Interesse der Leser nun wieder auf dieses frühe Werk des Erzählers Orwell und damit auf ein Land, das bereits vor Jahrzehnten von den mit harter Hand regierenden Militärmachthabern im Rückgriff auf vorkoloniale Zeiten Myanmar genannt wurde.

In Oberburma, wie der Teil des südostasiatischen Landes zu Kolonialzeiten hieß, war Orwell als stellvertretender Polizeichef stationiert: in dem oberhalb von Mandalay gelegenen Städtchen Katha, das er als Kyauktada zum Schauplatz seines in den zwanziger Jahren handelnden Romans machte. In der heißen, klebrigen Luft des Ortes führen sich die britischen Kolonialoffiziere als Herren der Welt auf, umschwirrt von dienstbaren Geistern, unterwürfigen Prostituierten und mit allen Korruptionswassern gewaschenen Kollaborateuren. Es ist die Atmosphäre einer kaltschnäuzigen Despotie auf britischer und einer mühsam unterdrückten Aufsässigkeit auf einheimischer Seite.

Schwermut & Alkohol

Als zentrale Figur führt der Autor einen 35-jährigen Engländer namens John Flory ein, der sich als Teakholzhändler schon allzu lange in dem Distrikt aufhält und von dem vorherrschenden Klima ebenso zermürbt erscheint wie von Schwermut, Langeweile und Alkohol. Für etwaige sinnliche Bedürfnisse hält er sich eine einheimische Mätresse, die er indes sogleich verlässt, als eine junge Engländerin in dem abgelegenen Stützpunkt auftaucht, in die er sich - letztlich ohne Aussicht auf Erfolg - verliebt. Im Übrigen verbringt Flory seine Freizeit in der wenig abwechslungsreichen Geselligkeit, die ihm der Europäische Klub bietet. Dort sprechen die verrohtesten britischen Haudegen von den Burmesen meist nur in Ausdrücken wie "Nigger" und "schwarze Schweine".

In diesen Klub aufgenommen zu werden, wird von manch höhergestelltem Einheimischen dennoch als heiß begehrter Akt der Nobilitierung angesehen. Den Wunsch äußert gegenüber Flory auch der Arzt Dr. Veraswami, ein Inder, der mit der Missachtung der Einheimischen zu kämpfen hat. Mit dem gebildeten Mediziner vermag Flory die einzigen angeregten Gespräche zu führen, die sich zumeist um die Anwesenheit der britischen Kolonialmacht in Asien drehen.

Dabei erweist sich der Arzt als unerschütterlicher Bewunderer der fremden Macht und ihrer zivilisatorischen Errungenschaften, sehr im Gegensatz zum tief enttäuschten Engländer, der sich zum Entsetzen des Gesprächspartners heftig über die schönfärberische Darstellung echauffiert, "dass wir hier sind, um unseren armen schwarzen Brüdern die Segnungen der Kultur zu bringen, und nicht um sie auszuplündern ... Wir Engländer in Indien könnten beinahe erträglich sein, wenn wir nur zugeben würden, dass wir Diebe sind, und dann weiterstehlen ohne das ganze Getue."

Als Gegenspieler des indischen Arztes tritt im Roman der bei den Einheimischen gefürchtete Distriktrichter U Po Kyin auf, ein ebenso fetter wie skrupelloser Magistrat, der um sich ein Zentrum von Unterwürfigkeit und Korruption aufgebaut hat. Ihn lässt Orwell sich an die Tage seiner Kindheit erinnern, "wie er den Einmarsch der siegreichen britischen Truppen verfolgte. Er spürte noch den Schrecken, den diese Kolonnen mächtiger rindfleischgenährter Menschen ihm eingejagt hatten, rotgesichtig und rotberockt, mit den langen Gewehren über der Schulter und dem schweren, rhythmischen Stampfen ihrer Stiefel. Ein paar Minuten lang hatte er zugesehen und dann Reißaus genommen. Mit seinem Kinderverstand hatte er begriffen, dass seine Landleute gegen eine solche Rasse von Riesen keine Chance hatten."

Manfred Alliés neue Übersetzung ist genauer, penibler, zuweilen auch umständlicher und weniger gelenkig als die bisherige von Susanna Rademacher. "Gegen das Schicksal kann man sich nicht wappnen", heißt es bei Allié für Orwells Originalsatz "There is no armour against fate". Unvergleichlich eleganter hingegen hat es Rademacher formuliert: "Es gibt keinen Schutz gegen das Schicksal."

Clochard in Paris

1927 quittierte Eric Blair nach fünf Jahren seinen Dienst in Burma. Er wagte die brüske Abkehr von den Karrierezwängen einer typisch englischen Elite-Sozialisation, trieb sich eine Zeit lang als Clochard in Paris herum und sah dann 1937 als republikanischer Kämpfer gegen die Franco-Faschisten in Spanien mit Abscheu den Verrat der stalinistischen Kommunisten an jenen trotzkistischen Verbündeten, denen er sich angeschlossen hatte ("Mein Katalonien"). Damals fasste er die Grundidee, Stalin und seine Machtmethoden am Beispiel des Ebers Napoleon in "Farm der Tiere" satirisch zu entlarven.

Orwell hat, vor allem in seinem in der Einschicht eines Farmhauses auf der Hebrideninsel Jura entstandenen Hauptwerk "1984", die Wirkungsmacht der modernen Tyrannis offengelegt, ihren methodischen Terror der Massenunterdrückung und Meinungsgängelung, die subtile Technik, ein selbstständiges Bewusstsein an die Kandare des "Großen Bruders" zu legen. "Will man herrschen, und dies auch in Zukunft tun, muss man den Realitätssinn verrücken können", lautet die gefährliche Erkenntnis aus "1984".

Zweifellos ist die Manipulation der Sprache jene Warnprophezeiung Orwells, die sich am nachhaltigsten in unserem politischen und wirtschaftlichen Alltag erfüllt hat. Sie bedroht mehr denn je die Mündigkeit des Bürgers, jenen fortgesetzten Auftrag der Aufklärung, von dem aus auch Orwell die Distanzen zu seiner Schreckensschau möglicher Zukunftsbilder vermessen hat.