In bisher 25 Romanen mit Jack Reacher folgt der gebürtige Brite Lee Child (hinter dem Pseudonym verbirgt sich James Dover Grant) eigentlich stets dem selben Schema: Der Ex-Militärpolizist, der auf Militärbasen in aller Welt aufgewachsen ist und seit seinem Ausscheiden aus der Army keinen festen Wohnsitz hat, trampt durch die USA, bleibt irgendwo hängen, kommt lokalen Kriminellen in die Quere und übt Selbstjustiz.

So auch diesmal, im bisher 23. Band, der nun auf Deutsch erscheint: Reacher landet rein zufällig im Geburtsort seines Vaters, macht sich aus einer Laune heraus im örtlichen Archiv auf die Suche nach dem Haus seiner Großeltern, folgt dann der Spur ins freie Feld und legt sich dabei - weil er eben Reacher ist und nie klein beigibt - mit zwei Familien an, die ihm jeweils Schlägertrupps auf den Hals hetzen, während die Polizei bemüht ist, Kollateralschäden zu vermeiden. Denn dass man sich um Reacher keine Sorgen zu machen braucht, erkennen die Beamten schnell - nur soll die zivile Bevölkerung dabei nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Und dann ist da noch ein dubioses Motel, in dem noch dubiosere Dinge vorbereitet werden, von denen Reacher freilich lange Zeit nichts weiß oder wenigstens ahnt . . .

James Dover Grant alias Lee Child, Jack Reachers Schöpfer und seit vorigem Jahr ein Commander of the Order of the British Empire.  
- © afp / Victoria Jones

James Dover Grant alias Lee Child, Jack Reachers Schöpfer und seit vorigem Jahr ein Commander of the Order of the British Empire. 

- © afp / Victoria Jones

Dieses Konzept, das man schon aus 22 anderen Büchern kennt, kann man langweilig finden – oder man verliert sich einmal mehr in Lee Childs Schilderungen. Nicht wegen der Gewalt an sich, die mit Reachers Nahkämpfen unweigerlich einhergeht, sondern weil sein Schöpfer einfach eine unnachahmliche Art hat, zu erzählen, wie sein Held warum welchen Schritt setzt, sei es im freien Gelände oder auf der Straße. In einem sehr lapidaren Ton legt der Autor jeder Handlung ein absolutes Maximum an Logik zugrunde. Egal, ob Reacher mit der Archivangestellten gemeinsam erläutert, warum er welche Akten durchstöbern sollte, oder ob er sich mitten in einem Sechskampf (ein Reacher gegen fünf Schlägertypen) in Sekundenbruchteilen ausrechnet, wie seine Gegner agieren werden, was seine effektivste Reaktion darauf wäre - und mit welchem Präventivschlag er sich beides ersparen kann. Denn wo Reacher einmal hindrischt, wächst kein Gras mehr. Selbst wenn man sich noch nie ernsthaft geprügelt hat - oder vielleicht gerade dann? - üben diese Passagen eine eigenartige Faszination aus.

Eines darf an dieser Stelle verraten werden: Zum ersten Mal ist sich Reacher in einer Begegnung mit einem Ringer seiner Sache tatsächlich nicht sicher. Dass er trotzdem am Ende als Einziger stehen wird, während sich die anderen auf dem Boden vor Schmerzen winden - so sie noch genug Bewusstsein dafür haben -, davon ist freilich auszugehen. Weil Reacher - auch das ist typisch für Lee Childs Protagonisten - einfach schon zu viele Straßenkämpfe ausgefochten und zu viele Army-Nahkampfausbildungen absolviert hat, um nicht mit jeder Situation umgehen zu können. Auch, weil ein altes Reacher-Gesetz besagt, dass der Titelheld chronisch von seinen Gegnern unterschätzt wird. Das kann man natürlich fragwürdig finden. Aber Lee Child ist nun einmal der Herr über seine Geschichten und will es so.

Ebenso häufig ist vor allem in den neueren Büchern der Twist, dass Lee Child neben dem Reacher betreffenden Handlungsstrang noch einen zweiten, mitunter recht abstrusen, entwickelt, der dann recht spät mit dem ersten verflochten wird. So auch diesmal. Und spätestens da wird Reacher dann nicht nur seine Nahkampfausbildung unter Beweis stellen müssen, sondern auch sein taktisches Geschick. Wozu war schließlich bei der US Army und hat auch Geländemanöver durchlaufen? Übermächtige Gegner gibt es nicht für einen Reacher. Alles eine Frage der Vorbereitung.

Es ist diese schiere Unbesiegbarkeit, die den Reiz von Lee Childs Figur ausmacht. Sie speist sich aus einem an Arroganz grenzenden, selbstsicheren Auftreten, das wiederum mit Reachers riesenhaften Körpermaßen - man kann ihn getrost als Schrank bezeichnen - zu tun hat und mit der Erfahrung, am Ende noch jede Auseinandersetzung für sich entschieden zu haben. Dazu eine gewisse Kaltschnäuzigkeit und der absolute Wille zum unorthodoxen Einsatz seiner Kräfte, wenn es notwendig erscheint. Tote werden dabei billigend in Kauf genommen, wenn es sich dabei um schlechte Menschen handelt. Frauen gegenüber ist Reacher ein Galan (Lee Child hat übrigens keine Angst vor starken Frauenfiguren, im Gegenteil), aber wenn ihm einer blöd kommt, dann gibt es kein Pardon und keine Regeln.

Bei aller Bärenstärke hat er aber auch noch eine fundierte Allgemeinbildung, die das Gesamtpaket perfekt macht. Eine intellektuelle Kampfmaschine quasi - aber eine, die nicht aus Spaß kämpft, sondern aus reiner Notwendigkeit. Denn Reacher geht am liebsten den Weg des geringsten Widerstands und scheut zwar keine Konfrontation, er sucht sie aber auch nicht - sie kommt von selbst zu ihm. Weil er Prinzipien hat, denen er bedingungslos treu bleibt. Ein uramerikanischer Held also, geschaffen von einem Engländer, der neben 25 Reacher-Romanen passenderweise auch ein Sachbuch mit dem Titel "Der Held: Wie Helden die Welt verändern, und warum wir sie heute mehr als je zuvor brauchen" geschrieben hat. Und der in einem Essay einmal nicht nur erklärt hat, warum der Name seiner Figur im Supermarkt entstanden ist, sondern auch, wie sie John Dann MacDonalds Kriminalromanfigur Trevis McGee mitgeprägt hat und noch vieles mehr.

Spannend wird es in den kommenden Jahren. Denn Lee Child hat angekündigt, die nächsten Reacher-Bücher gemeinsam mit seinem kleinen Bruder Andrew zu schreiben und ihm irgendwann den Helden komplett zu überantworten. Bleibt die Frage, ob der es dann schafft, seinen unverwechselbaren Stil beizubehalten. Und ob Lee Child irgendwann auch noch eine weitere große Lebensleistung zustande bringt: eine Verfilmung mit einem authentischen Schauspieler.

Denn bei allem Respekt, Tom Cruise (1,70 Meter, keine 80 Kilo) zählt nicht. Wirklich nicht. Er wurde Reacher in den bis dato zwei Filmen nicht nur physiognomisch nicht gerecht. Auch szenisch war vom geschriebenen Original kaum etwas übrig. Wahrscheinlich ist Reacher auch im Action-Kracher-Hollywood weniger gut aufgehoben als bei Netflix & Co. Dort wartet doch sicher ein bis dato unbekannter, grobschlächtiger Nebendarsteller darauf, den Ex-Militärcop mit den ungepflegten Haaren, der seine Hose zum Bügeln unter die Matratze legt, zu verkörpern. Denn eine solche C-Besetzung wäre dem Lonesome Stranger sogar angemessener als ein bekannter Schauspielstar, der die Rolle zerstört, indem er ihr seinen Stempel aufdrückt. 

Aber wahrscheinlich ist genau das der Grund, warum eine Verfilmung bisher nicht zustande gekommen ist beziehungsweise funktioniert: Lee Childs Romane muss man lesen. Seine Dialoge sind dafür gedacht, sich zurückzulehnen und sie aufzunehmen. Ein Film, egal wie bedachtsam angelegt, würde ihnen nicht gerecht. Und noch eklatanter ist es bei den Kampfszenen: Natürlich kann man die perfekt drehen und vielleicht sogar in Slow Motion abspielen. Aber es würde letztlich eine reine Gewaltorgie. Die wahre Eleganz aber, die sich in Reachers Kopf abspielt, bliebe dem Zuschauer verborgen. Also ist es vielleicht ganz gut, dass Lee Childs Geschichten bis auf weiteres im Buchregal bleiben.