Leïla Slimani wird im Oktober vierzig Jahre alt, hat bereits drei bedeutende Romane vorgelegt und 2016 den renommierten "Prix Goncourt" erhalten. Ihr preisgekrönter Roman "Dann schlaf auch du", in dem ein Kindermädchen zur Mörderin wird, wurde in Frankreich im ersten Jahr gleich 350.000 Mal verkauft. In ihrem dritten Roman hat die in Rabat geborenen und seit vielen Jahren in Paris lebende Autorin nun den Lebensweg ihrer Großeltern fiktionalisiert. Herausgekommen ist dabei ein ebenso faszinierendes wie beklemmendes Opus über das Fremdsein.

Hauptfiguren sind der Marokkaner Amine Belhaj und seine französische Frau Mathilde. Sie lernen sich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs im Elsass kennen. Mathilde ist unsterblich verliebt in den Offizier der französischen Armee und folgt ihm später in sein Heimatland Marokko. Zunächst wohnen sie bei Amines Familie, ehe sie sich ihr eigenes Leben auf einer Farm im Norden Marokkos einrichten.

Eine Existenz zwischen Marokko und Frankreich, zwischen Christentum und Islam, zwischen liberaler europäischer Lebensweise und marokkanischen Traditionen: All die damit verbundenen Kalamitäten hat Leïla Slimani meisterlich in einer kurzen Sequenz zwischen Mathilde und ihrer Tochter Aicha komprimiert.

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Mathilde erzählt ihr von einem besonderen Baum, der einst aus einer Kreuzung zwischen Zitrone und Orange entstanden ist, den sie "Zitrangenbaum" zu nennen pflegt und dessen Früchte ungenießbar sind: "Wir sind wie dein Baum, halb Zitrone, halb Orange. Wir gehören zu keiner Seite."

Ein tiefer Riss geht auch durch Amines Familie. Sein Bruder Omar wird zum glühenden Nationalisten, während sich die jüngere Schwester Selma zu einer selbstbewussten und lebenshungrigen Frau entwickelt. Mit Beginn der Unabhängigkeitsbewegungen in den Maghreb-Staaten wird das Leben für Amine und seine Familie immer komplizierter. Als einstigem Mitglied der französischen Armee, zudem noch mit einer Französin verheiratet, schlagen ihm Ablehnung und blanker Hass entgegen, auch die Kinder werden in der Schule ausgegrenzt. "Sobald sie alleine waren, verbarrikadierte er sich hinter seinem Schweigen und litt unter der Schmach, dass er feige gewesen war und sein Volk verriet."

Leïla Slimani erzählt aus einer distanzierten, auktorialen Perspektive. Detailliertes Beobachten ist ihr wichtiger, als in die Psyche ihrer Figuren einzutauchen. Das wirkt bisweilen etwas altbacken. Doch diese Schriftstellerin hat eine beinahe singuläre Kunst entwickelt, in der die Lebensverhältnisse und das Interagieren der Figuren im Mittelpunkt stehen.

"Das Land der Anderen" endet im Jahr 1955 mit den blutigen Unabhängigkeitskämpfen zwischen Nationalisten und Franzosen - und mittendrin die entwurzelte Familie von Amine und Mathilde. Sie sind immer die Anderen gewesen - die von den Nachbarn verachtet wurden, die in ihren Familien einen schweren Stand hatten und nicht viel mehr wollten als eine kleine Lebensnische zwischen den unterschiedlichen Kulturkreisen. Ein faszinierender Roman, der Brücken schlagen will - aus der Feder einer schon jetzt ganz großen Autorin.