Ein frisch vermähltes britisches Ehepaar begibt sich kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ins noch verschonte Bukarest. Der Mann namens Guy Pringle hat sich dort als Englischlehrer am British Council verdingt. Die Frau kennt ihren Ehemann kaum: Es war eine rasche Hochzeit, nach nur wenigen Wochen des Kennenlernens. Nun, im Ausland, waren sie "allein zusammen in einer Welt im Krieg". Das ist die Ausgangssituation für ein Romanwerk, das Wahn und Schrecken des Weltkriegs von der Peripherie her erzählt, vom zufälligen Zusammentreffen einer bizarren Runde teils naiver, teils undurchschaubar involvierter Engländer abroad samt ihren einheimischen Bekanntschaften.

Zurückschauen, um zu sehen, wo man steht: Das trieb wohl die 1908 im englischen Portsmouth geborene Autorin Olivia Manning nach den Kriegsjahren an, ihre Erlebnisse von damals in einem großen, sechs Teile umfassenden Romanzyklus festzuhalten. Gemeinsam mit ihrem Ehemann, der an der Universität Bukarest Englisch lehrte, war sie auf der Flucht vor dem Krieg quer durch Europa bis nach Ägypten und Jerusalem gelangt.

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Den Auftakt einer deutschen Neuübersetzung ihrer Balkan-Trilogie macht der Roman "Der größte Reichtum" (aus dem Englischen von Silke Jellinghaus, Rowohlt 2020, 464 Seiten, 24,70 Euro), mit dem Schauplatz Bukarest. Der nächste Band, "Die gefallene Stadt", ist bereits gefolgt. Im Erstlingsroman bilden die Engländer eine kleine, reichlich unbekümmerte Kolonie in Rumänien, dessen Verbündeter Großbritannien damals war. In der Bar eines viel frequentierten Hotels findet sich regelmäßig eine Schar von Journalisten, Diplomaten, Geschäftsleuten und Spionen ein. Dort wird die allgemeine Unsicherheit in Plaudersucht und Drinks ertränkt. Auch der Engländer Galpin treibt sich vorzugsweise dort herum. Er hat ein "verdrießlich gelbes Whiskytrinkergesicht" und spielt, wie andere auch, eine zwielichtige Rolle.

Stimmungsschwankungen beherrschen das Stadtbild im damaligen "Paris des Ostens". In hysterischen Schüben wechseln sich Lebensfreude und verdrängungsselige Ausgelassenheit mit Kriegsangst, Korruption, Rassismus und Judenfeindlichkeit ab. Aus Polen drängen Flüchtlinge, von den deutschen und russischen Invasoren vertrieben, über die Karpaten in die Metropole des noch neutralen Landes. Sie mischen sich im Straßenbild mit den vielen Bettlern und landflüchtigen Bauern, deren Kleidung zur pittoresken Abwechslung beiträgt.

Mannings scharfe Beobachtungsgabe führt vor allem im engeren Kreis der englischen Kolonie eine Reihe faszinierender Typen souverän durchs Erzählgeschehen. Da ist allen voran der "Prinz" genannte alte Jakimov, halb Engländer, halb Weißrusse, der durch das Buch geistert wie ein aus der Zeit gefallener Wiedergänger. Er gibt sich als Sohn des Stallmeisters der Zarin aus und futtert sich als vornehmer Schnorrer bei Empfängen durch. Später wird er seinen Triumph als Laiendarsteller bei einer Shakespeare-Aufführung feiern, die Guy Pringle mit Inbrunst als Regisseur einer Studentenvorstellung inszeniert, an der auch Botschaftsangehörige teilnehmen.

Seine politisch wachere Frau Harriet vermag sich über so viel Zeitvergessenheit nur zu wundern. Sie wandert stattdessen durch die Stadt und verschließt ihre Augen nicht vor dem schroffen Gegensatz von Arm und Reich, wie er sich etwa im Anblick der zahllosen Bettler und Obdachlosen zeigt, die schutzlos dem strengen Winter ausgesetzt sind. "Nur wenige von ihnen überlebten lange. Jeden Morgen machte ein Karren die Runde und sammelte die Körper ein, die man aus dem Schnee ausgegraben hatte."

Die 1980 gestorbene Olivia Manning war eine Schriftstellerin, die vom Alltag in einem fremden Land, von der Politik und deren Berichterstattern, von faschistischen Machtallüren und sozialistischen Wolkenschiebereien so einnehmend berichten konnte, dass man das Buch nicht aus der Hand geben mag. Dieser Anreiz geht auf Mannings bestechend formbewusste Erzähl-Intelligenz zurück, die ihre Geschichten durchgängig mit ebenso scharf gezeichneten wie lakonisch präsentierten Milieustudien grundiert. So entsteht ein atmosphärisch dichtes Zeitgemälde, das den vielen Kriegsbildern der einschlägigen Literatur ein besonders geglücktes, durch Augenzeugenschaft signiertes Erzähltableau hinzufügt.