Mirjam Mous versetzt ihre Leser in ihrer zweibändigen Dystopie "Data Leaks" in eine Welt, in der die Menschheit sich zum Schutz der Natur von dieser komplett abgekapselt hat. Ein Zaun trennt Zivilisation und Wildnis, innerhalb kommt die Nahrung aus dem 3D-Drucker, denn Tiere nicht mehr getötet und nicht einmal als Haustiere gehalten, alles ist KI-gesteuert, und alle sind zu allen lieb. Oder auch nicht, denn es gibt eine Anstalt, in der jene landen, die sich dem System nicht unterordnen. So wie der Freigeist Holden, der dort landet, nachdem er verbotenerweise ein echtes Feuerwerk gezündet hat. Das er in der Wildnis gefunden hat, die eigentlich verbotene Zone ist.

Holden ist zwar nicht freiwillig im Gefängnis (oder Besserungsanstalt oder wie auch immer man es nennen möchte), allerdings eröffnet ihm der Aufenthalt die Chance, vielleicht endlich dahinterzukommen, wie sein Vater wirklich gestorben ist. Denn es ist nicht der einzige mysteriöse Todesfall im Umfeld dieser Anstalt, bei deren Leiterin lange nicht klar ist, auf welcher Seite sie steht und welches Spiel sie spielt. Folgt sie loyal den Führenden - an deren Kompetenz und Fürsorge nicht nur Holden immer mehr zweifelt - oder ist sie in Wirklichkeit kritisch, verdeckt das aber nur? Und was hat sie mit dem Tod seines Vaters zu tun?

Gleichzeitig schließt sich Holdens Schwester Prissy, bisher ein Vorzeigemädchen, das nie im Leben gegen irgendeine Regel verstoßen würde, einer Rebellengruppe von Hackern an. Gemeinsam stellen sie sich den Führenden entgegen und versuchen Holden aus der Anstalt zu befreien. Beides ist mit zahlreichen Schwierigkeiten verbunden, und mehr als einmal fragt sich Priss, ob sie überhaupt auf der richtigen Seite steht - um irgendwann festzustellen, dass es eigentlich keine wahrhaft gute und keine wahrhaft schlechte Seite gibt.

Das ist eine der Kernaussagen von Mous' Dystopie: Big Data und Künstliche Intelligenz können uns enorm helfen - wenn wir sie richtig einsetzen und ihnen nicht das Ruder in die Hand geben. Denn was wäre, wenn wir tatsächlich Computer die Welt regieren ließen? Würden sie womöglich zu dem Schluss kommen, dass diese Welt ohne die Menschen besser dran ist? Und würden dann Isaac Asimovs Robotergesetze - die unter anderem besagen, dass ein Roboter keinem Menschen Schaden zufügen kann - vielleicht nicht mehr gelten, weil ein Verstoß dagegen einen anderen, größeren Schaden verhindern würde? Große technophilosophische Gedanken wälzt die Autorin auf mehr als 800 Seiten in zwei Büchern, die man beide lesen muss, um die ganze Geschichte zu kennen. Verpackt sind sie in einen Plot mit zwei konträren jungen Protagonisten, die beide weit aus ihrer Komfortzone geschleudert werden. Und die auf ihre Weise versuchen, das Richtige zu tun. Was auch immer das sein mag.