Eine Seuche seien die Taschenbücher, an denen sich die Verlage infiziert hätten. So schreibt es der österreichische Schriftsteller und Kritiker Hans Weigel im Jahr 1959.

Er schreibt wirklich wörtlich "Seuche" und "infizieren".

Nun gut, Weigel hatte noch keine Ahnung von Corona, und als 1908 Geborener war ihm wohl auch die Spanische Grippe nur eine blasse Kindheitserinnerung. Und er liebte die harten Verurteilungswörter. Das trug ihm eine schallende Ohrfeige der Schauspielerin Käthe Dorsch ein - obwohl die von ihr als Beleidigung aufgefasste Kritik, heute nachgelesen, eigentlich eher ein Florettgefecht war als ein Bihänder-Schlag.

Das nur am Rande.

Billige Bücher

Weigel jedenfalls verurteilte die Taschenbücher mit der ihm eigenen Leidenschaft.

Ja, ist es denn statthaft, dem Taschenbuch gerade an seinem Ehrentag, der am 30. Juli stattfindet, mit einer solchen Verurteilung, zu begegnen? Hat man sich als Freund der Bücher nicht längst mit dem Taschenbuch abgefunden?

"Abfinden" freilich ist etwas anderes als "mögen".

Die heute lebenden Generationen sind mit der Existenz der Taschenbücher aufgewachsen: flexible Einbände, halbwegs kleine Formate, billiges Papier, billiger Druck. Schnell nachgeschaut im Impressum, ob der Verlag sich zum Ort des Drucks bekennt oder ihn schamhaft verschweigt. "Druck und Bindung: Pustet, Regensburg", steht da auf der vierten Seite der Sappho-Ausgabe des C.H.Beck-Verlags. Aber das ist ja auch ein Nobel-Taschenbuch, genau genommen nur der Erscheinungsform nach eines, dem Preis nach schon eher nicht. Allerdings geht der Trend von "Printed in Romania" und "Printed in The Czech Republic" wieder zurück nach Austria und Germany, zumindest bei den renommierten Verlagen.

Das Taschenbuch also ist salonfähig geworden. Dazu haben zwei Entwicklungen beigetragen: Die Qualität der Taschenbücher ist besser geworden, dem Papier sieht man nicht mehr seine Preisgünstigkeit an, und zur Lektüre bedarf es keiner Luchsaugen mehr, es genügen menschliche, eventuell bebrillte, um den Druck zu lesen.

Die andere Entwicklung ist der Niedergang der Buchdruckerkunst. Hatte man früher bei einem gebundenen Buch eine etwaige Klebeheftung benasrümpft und sich gefragt, was das für ein Verlag sein mag, der auf eine Fadenheftung verzichtet, ist die Klebeheftung mittlerweile auch im hochpreisigeren Segment die Norm. Und der Einband ist in der Regel aus unverstellter Pappe. Nur die Noblesse unter den Verlagen leistet sich noch Leineneinbände. Ist man ein konservativer Knochen oder gar ein alter Sack, wenn man das etwa bei der neuen Georg-Trakl-Ausgabe des Otto-Müller-Verlags befremdlich findet? - Gedruckt übrigens bei EuroPB in Heidelberg, wo es auf der Homepage über die Klebebindung heißt, sie werde "vor allem dann verwendet, wenn von nicht allzu häufiger und langfristiger Benutzung auszugehen ist". Wer liest schon täglich seinen Trakl?

Aber im Ernst: Die Klebebindungen heute halten. Broschuren brechen auch nach reichlicher Benützung nicht mehr wie ehedem, als einem nach dreimaliger Lektüre die Seiten eines Taschenbuchs einzeln entgegenflatterten und der ausgetrocknete Leim wie alte Spachtelmasse aussah.

Alles ist Taschenbuch

Hand aufs Herz: Das Buch wird von den heutigen Lesergenerationen auch kaum noch in seinem Erscheinungsbild wahrgenommen. Und vielleicht ist das sogar gut so. Denn eine gelesene Taschenbuch-Goethe-Ausgabe ist besser als eine ungelesene gebundene Goethe-Ausgabe, die offen ins Regal gestellt wird, um damit anzugeben. "Sie haben Goethe gelesen?" - "Selbstverständlich. ,Freude, schöner Götterfunken‘, kennt man doch. Oder nicht?"

Zurück zu Weigel. Seine Kritik am Taschenbuch hat immer noch eine gewisse Berechtigung, obwohl ihm ein Widerspruch in sich unterläuft. Weigel zielte auf den ungebremsten Strom billiger Bücher, der ohne Kanalisierung den Markt überflutet: Klassiker und Krimis, antike und moderne Dramen, Essays und Sachbücher, Altes, Neues, sogar Erstausgaben, alles ist Taschenbuch - oder zumindest kann alles Taschenbuch sein.

Auf dem US-Markt dreht es sich sogar um: Der selbsternannte Horror-Big-Mac Stephen King schreibt in einer seiner häufigen Nabelschauen, wie glücklich er war, als eines seiner Bücher, das im Original als Paperback veröffentlicht wurde, wegen des Erfolgs als (teurerer) Hardcover neu aufgelegt wurde. Ob die menschenfressende Clownsnasenriesenspinne, oder worum es gegangen sein mag, durch das neue Erscheinungsbild besser geworden ist, soll hier keiner genaueren Überprüfung unterzogen werden.

Weigels Kritik ängstigt sich zwischen den Zeilen, das Buch könne durch die Billigausgaben zum Wegwerfprodukt werden, so quasi: "Buddenbrooks" gelesen - weggeschmissen. Höhepunkte der Kultur als Papiermüll.

Reclams Renommee

Dass der Reclam-Verlag aber gerade preisgünstige Ausgaben von Klassikern herausbringt, und das seit 1867, und obendrein regelmäßig beweist, dass Erscheinungsbild, Preisgestaltung und überragende Edition keine zwangsläufigen Widersprüche darstellen, kann Weigel nicht wegargumentieren, so sehr er es auch versucht.

Der Buchmarkt heute freilich boomt wie nie zuvor. Und das Taschenbuch hat sich in einer Bandbreite von der Bibel bis zu Elfriede Jelinek, von Durs Grünbein bis Catullus, von der Nero-Biographie bis zum Adolf-Hitler-Psychogramm den Markt erobert. Es hat das Odium des Minderwertigen abgelegt und den Leser in die Selbstverantwortung entlassen: Wirft man den dtv-Goethe weg? Oder anders gesagt: Wer den dtv-Goethe nicht ehrt, ist die C.H.Beck-Ausgabe nicht wert.

Und überhaupt: Was uns als "Walt Disneys Lustige Taschenbücher" mit Donald und Dagobert Duck bekannt gemacht hat, kann doch nicht gar so schlecht sein.

Gebunden gibt’s die Geschichten auch. Es ist nachgerade eine Erlösung!