In ihrem vierten Roman, "Inneres Wetter", erzählt Elke Schmitter von einer Familie, die genau so unglücklich scheint wie alle anderen unglücklichen Familien. Ein lapidarer Satz bindet sie zusammen: "Ich bin am Ende, oder so." Er zielt ebenso auf das Alter der Figuren wie auf einen Zustand zwischen Bangen und Erlösung.

Eine Freundin von Bettina spricht ihn aus. Deren E-Mail an ihre Familie wiederum bringt den Roman ins Rollen. Huberta, Bettina und Sebastian sind Geschwister. Der 77. Geburtstag ihres verwitweten Vaters steht in diesem Jahr an. Ein Familientreffen als Rahmenkonstruktion - nichts Neues, aber Bewährtes, um über launische Lebensläufe, die Fallstricke der Existenz und dysfunktionale Familien nachzudenken.

Wie die meisten Geschwister sind auch diese drei sehr unterschiedlich. Im Roman sind sie in ihren Fünfzigern. Huberta hat nie richtig Tritt im Leben gefasst, spricht dem Alkohol zu, ist kinder- und partnerlos geblieben, aber mit Hund alles andere als ungebunden. Sie ist das schwarze Schaf der Familie, ein bisschen verlottert, immer kontra. Ihre Schwester Bettina indes ist mit dem Charmeur Johannes verheiratet, sie haben eine Tochter. Bruder Sebastian hat zwei Kinder und eine kapriziöse, aus Dalmatien stammende Ehefrau.

- © C.H. Beck
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So weit die Fassaden. Dahinter lauern Affären, Versagensängste und gescheiterte Sehnsüchte. Und: "Ein Bedürfnis nach Verzauberung", wie die Autorin es neulich formulierte. Alles altbekannt. So abgedroschen wie ein halb gelebtes Leben. Elke Schmitter erzählt davon mit einem guten Gespür für Fremdheitsgefühle innerhalb der eigenen Familie. Dem Vater obliegt es, seine Kinder so zu sehen, wie sie es nicht können: mit gelassenem Blick aus großer Distanz. An einer Stelle spricht er von "des Lebens Murks".

Was für eine schöne Bezeichnung für vermeintlich gescheiterte Lebensversuche. Die Formel benennt präzise das Thema des Romans. Einige der Figuren kennt man schon aus Elke Schmitters "Leichte Verfehlungen". Sie mag solche Verknüpfungen, ihr Roman "Veras Tochter" bezieht sich auf ihren im Jahr 2000 erschienenen Bestseller "Frau Sartoris".

Wie in "Leichte Verfehlungen" erzählt Schmitter auch diesmal aus der Halbdistanz der dritten Person Singular, Anteil nehmend, aber doch mit leichtem Spott. Ihre Frauenfiguren geraten ein wenig stereotyp: gelangweilte Gattinnen, die sich als Verkäuferinnen verdingen, trostlose Singlefrauen auf Männersuche. Dabei glänzt der Roman immer wieder mit grandiosen Beobachtungen und Formulierungen, wie jenen von der "ratlosen Kurzhaarfrisur", dem "walnussartigen Gesicht" eines sterbenden Vaters oder der "weich gepolsterten Hand" eines Mannes. Hinzu kommen quirlige Dialoge und milieusichere Schilderungen der jeweiligen Blasenbewohner.

Der Roman gliedert sich in drei Teile, von Frühling bis Herbst, die Kapitelüberschriften klingen wie Filmtitel französischer Sommerkomödien - und ebenso ein bisschen egal, dafür aber sehr lebensnah und leicht kommt auch Schmitters Roman daher. Eingerahmt wird er von Bettinas E-Mails, die in erster Linie dazu dienen, das Milieu zu kennzeichnen und deutlich zu machen, dass der Roman ungefähr in der Gegenwart spielt, genauer im Jahr 2014.

Der Riss, der durchs Land geht, spaltet auch diese Familie. Vom "Familiengewebe" ist einmal die Rede. Der fadenscheinigen Struktur dieser besonderen Familie folgt dieser Roman mal liebevoll, mal respektlos. Elke Schmitter erweist sich dabei als eine den Menschen zugewandte, lebenskluge Autorin. Im Ganzen allerdings bleibt ihr Roman etwas unscharf und in etwa so konturenlos wie die Kinnlinien von Frauen in den Wechseljahren.