Wenn eine bekannte Feuilletonistin in ihrem Roman über eine männliche "Edelfeder" des Metiers schreibt, einen Blick in den inneren Zirkel einer großen Zeitung wirft und vehement verneint, dass es sich um einen Schlüsselroman handelt, dann birgt dies jede Menge Stolperfallen.

Die Autorin Johanna Adorján, die gerade ihren 50. Geburtstag gefeiert hat, war 15 Jahre für das Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" tätig, ehe sie 2016 zur "Süddeutschen Zeitung" wechselte. 2009 hatte sich Adorján in ihrem höchst emotionalen, inzwischen in 18 Sprachen übersetzten Romandebüt "Eine exklusive Liebe" dem Doppelselbstmord ihrer Großeltern gewidmet und retrospektiv beider Leben erzählerisch rekonstruiert.

Zwei Kontrastfiguren

Nun stehen zwei Figuren im Zen-trum der Handlung, wie sie unterschiedlicher kaum sein können. Zum einen Hans Benedek: Gefeierter Feuilletonist einer großen Zeitung, die der "FAZ" nachempfunden wurde, ein Mann mittleren Alters, aufgeschlossen, sensibel, doch sein Stern verblasst - der Printjournalismus befindet sich auf dem absteigenden Ast und ein neues weibliches Mitglied der Chefredaktion schiebt seinen Extratouren - und seinen horrenden Spesenrechnungen - energisch einen Riegel vor.

Verheiratet ist Benedek mit Henriette, die einst als talentierte Lyrikerin galt, sich dann aber irgendwann zur Yogalehrerin ausbilden ließ. Dann gibt es noch die kesse Praktikantin Niki, mit der Hans gemeinsam arbeitet und das Bett teilt.

- © Kiepenheuer und Witsch
© Kiepenheuer und Witsch

Der große Gegenpart zu Benedek ist die junge Influencerin Xandi Lochner, die zum Social-Media-Star wurde, nachdem sie eine arrivierte CSU-Politikerin mit großer rhetorischer Raffinesse der Homophobie überführte.

Thematisch bewegt sich Johanna Adorjáns Roman ganz nahe am Puls der Zeit. Political Correctnesswird als Generationenproblem verhandelt, der Wertekatalog muss offensichtlich neu sortiert werden. Alles befindet sich in einem rasanten Tempo im Umbruch. Die Macht der Social-Media-Kanäle mit ihren Shitstorms, die in Sekundenschnelle und mit verheerenden Folgen um den Globus fegen, wird latent angeprangert. Wie ihre Benedek-Figur wähnt sich die Autorin auf der moralisch richtigen Seite und möchte am liebsten kraftvoll auf die Bremse treten.

Benedek beklagt die schwindende Bedeutung des gedruckten Feuilletons und die Verlagerung der Debatten ins Internet. Er will ein Porträt über Xandi Lochner schreiben. Doch der erfahrene Journalist erlebt schon im Vorfeld eine demütigende Niederlage. Er darf, so hat es die Redaktionskonferenz beschlossen, nicht alleine über die Influencerin schreiben und bekommt eine junge Co-Autorin an die Seite gestellt: ausgerechnet die Praktikantin und Gelegenheitsgeliebte Niki.

Johanna Adorjáns Roman löst bei der Lektüre zwiespältige Gefühle aus, weil hier ganz bewusst und beinahe holzschnittartig mit den gängigen Klischees gearbeitet wird: Alter Mann und junge Frau, digitaler Wandel, MeToo-Debatte, Chancengleichheit im Beruf, Generationenkonflikt - all die Talkshow-Themen der jüngeren Vergangenheit schwingen im Kopf als störende Hintergrundmusik mit. Dabei bewegt sich Adorján an einer Schnittstelle zwischen Unterhaltung und profunder Zeit-(geist)kritik. Sprachlich gelingt diese schwierige Balance nicht in allen Sequenzen.

Kaum Sympathieträger

Sie finde alle Figuren in ihrem Buch liebenswert und zugleich lächerlich, hat die Autorin in einem Interview erklärt. Doch es fehlt ihnen der eigene Atem. Ob Hans, Xandi oder Niki - Sympathiepunkte kann niemand sammeln. Am Ende ist alles so unentschieden wie die hier mühevoll rekonstruierten Debatten. Vielleicht ist Benedeks unscheinbare Ehefrau Henriette die moralische Siegerin. Ihr Lyrikbändchen "Frau mit Hut" wird wieder nachgefragt, weil Influencerin Xandi dafür getrommelt hat. Der letzte Satz des Romans gehört auch ihr: "Irgendwann sah sie zu Hans. ,Du siehst müde aus, war irgendetwas?‘"

Was war denn da? Der ambitionierte, aber nur mäßig geglückte Versuch, dem rasanten Tempo des Zeitgeistes in Romanform zu folgen. Unterhaltsam, aber ohne nachhaltiges Echo.