Eine etwas sperrige Liebe erzählt Heinz Strunk in seinem neuen Roman "Es ist immer so schön mit dir" (Rowohlt). Ein Mann ist verrückt nach einer Frau, die es ihm aber nun wirklich schwer macht. Kennt wohl jeder, entweder aus eigenem Erleben oder vom machtlosen Zuschauen. Aber Strunk macht mit der ihm eigenen Mischung aus larmoyanter Trostlosigkeit und trockenem Humor Kunst daraus.

Der Schriftsteller ("Fleisch ist mein Gemüse", "Der goldene Handschuh") und Musiker hat übrigens festgestellt, dass schwierige Liebesbeziehungen in Österreich viermal so heftig sind wie daheim in Hamburg. Apropos Österreich: Seine Connections zu Christoph Grissemann und Dirk Stermann (zuletzt spielte er im Film "Drei Eier im Glas" mit) sind in absehbarer Zeit nicht mehr beruflich, dafür erholsam. Zum Urlaub geht es mit Grissemann in den kroatischen K.u.k.-Badeort Opatija - übrigens auch ein Schauplatz seines Romans.

"Wiener Zeitung": Ein Liebesroman also - war es schwer, da nicht in Schnulzengefahr zu geraten?

Heinz Strunk: Die besteht ja nicht zwangsläufig. Ganz ohne Romantik ist ja selbst dieser Roman nicht. Dieser Ausflug, den die da machen, nach Heiligendamm an der Ostsee, das finde ich schon romantisch. Da habe ich auch meinen Lektor gefragt, ob das eh nicht zu kitschig ist. Aber ich kann gar nicht kitschig, glaube ich. Da habe ich einen derartigen inneren Widerstand, ich würde mich gruseln, wenn ich ernsthaft auf die Tränendrüse drücken würde.

Einmal denkt Ihr Protagonist den Satz: "Wieder kein einziges Mal gelacht". Das ist wahrscheinlich die traurigste Rendezvous-Bilanz der Literaturgeschichte . . .

Ja, das ist sehr traurig. In dem Roman steckt ja ein Kondensat meiner Erlebnisse in 40 Jahren Beziehungen oder Affären, und da ist mir tatsächlich einmal eine Frau begegnet, die praktisch nicht gelächelt hat. Das hab ich als derartig beklemmend empfunden. Der Protagonist schwebt ohnehin in permanenter Verunsicherung, weil er sich dauernd fragt, was er eigentlich falsch macht, dass das alles so sperrig ist. Da ist das Fehlen von Humor, von Lächeln natürlich tödlich. Nicht nur in der Beziehung zwischen Mann und Frau. So etwas trennt die Menschen wie nichts anderes.

Das Verliebtsein ist auch in jedem Alter eine Aneinanderreihung von den immergleichen Qualen. Ihr Protagonist wartet auch wie so ein Teenager, dass die Angebetete seine Nachricht beantwortet.

Ja, viele neigen ja zu Hysterie und Paranoia, wenn keine Nachricht kommt, gleich zu denken, alles sei zu spät, alles sei zu Ende. Nur weil ein Anruf nicht kommt.

Ist das nicht sogar schlimmer geworden durch die ständige Erreichbarkeit am Handy?

Ich war mal total verliebt vor 35 Jahren, und um einen Anruf nicht zu verpassen - der nie gekommen ist-, hab ich drei Tage vor dem Festnetz gewartet und die Wohnung nicht verlassen. Also das gab es auch da schon. Aber ja, mit dem ganzen Whatsgeappe ist das schon schlimmer. Auch weil die Leute gar nicht mehr telefonieren, und in Mails und Nachrichten habe ich das so oft erlebt, dass ein einziger Satz missverständlich oder zu hart formuliert ist. Bei einem Telefonat hätte das nie zu einem Streit geführt.

Die meistbereuten Nachrichten sind ja immer die betrunken abgeschickten.

Ja, die sind das Allerärgste. Wenn ich eins im Leben gelernt habe, dann das. Die letzte angesoffene Nachricht habe ich vor zehn Jahren geschickt. Da hab ich mir ein Verbot verordnet.

Jeder weiß, dass bei Beziehungen Auszeiten und angehängte Verlängerungen sinnlos sind, aber jeder macht’s trotzdem. Ihr Liebespaar ja auch . . .

Die Außensicht ist immer: Du müsstest dich sofort trennen, das ist nur eine Leidensverlängerung, das Leben ist zu kurz dafür. Und die Ratschläge sind immer unter allen Umständen richtig. Nur wenn man selber drinsteckt, geht’s nicht. Auch ich habe Jahre verloren mit Beziehungen, die schon Jahre vorbei waren, aber keiner wollte aufgeben oder loslassen. Trennen ist ja auch eine furchtbare Sache, das rührt ganz tief an den Tod. Deswegen fällt uns das auch so schwer.

Bei der Lektüre denkt man sich mitunter: Der mag sie gar nicht, warum ist er denn so verrückt nach ihr?

Weil der Großteil der sexuellen Anziehung genau auf diesem Prinzip beruht. Ich bin keineswegs nur von so katastrophalen Beziehungen umgeben, ich kenne auch glücklich verlaufende. Und gerade die, die ganz stabil und glücklich ausgesöhnt über Jahrzehnte zusammen sind, da sind die eher Brüderchen und Schwesterchen. Da hat man nicht das Gefühl, dass die vor Sexualität nur so prickeln, aber dass die sich gut verstehen und ihnen so der ganze Wahnsinn erspart bleibt.

Im Roman beruht die manische Anziehung ja auf der seltsamen Fremdheit, dem Nicht-Näherkommen. Das habe ich auch selber erlebt, dass man einen Abend hatte, der total schön verlaufen ist, wo man sich denkt, jetzt haben wir’s aber geschafft, jetzt hat sich das Aushalten gelohnt. Und trotzdem fängt es drei Tage später wieder von vorne an, dieses Gefühl, da ist gar keine Substanz da, nichts, auf was man sich verlassen kann, kein Gefühlskapital, das unangreifbar ist.

Also muss man sich eigentlich entscheiden, ob man immer wieder mal etwas Kurzfristiges mit Sex hat oder etwas Langfristiges ohne Sex?

Das ist eine schöne Theorie, aber in der Praxis funktioniert das nicht, man kann keine Entscheidung mit 30, 40 treffen, die lebenslang verbindlich ist. Weil man dem immer hilflos ausgeliefert ist.

Gibt es vielleicht ein Liebespaar aus Literatur, Film oder Geschichte, das es Ihnen ein bisschen angetan hat?

Nicht wirklich. Aber ich lese gerade zum zweiten Mal nach 30 Jahren "Die Liebe in Zeiten der Cholera" von Garcia Marquez. Das hatte ich als 20-Jähriger sehr gern gelesen - dieses Urmodell der romantischen Liebe, die Jahrzehnte überdauert und im Greisenalter zusammenfindet, das fand ich schön. Und ich fand auch den Film "African Queen" mit Humphrey Bogart und Katherine Hepburn schön. Also ich bin durchaus empfänglich für das Modell romantische Liebe.

Ihr Protagonist wettert auch einmal gegen die "Glückspropaganda". Spricht er da auch Ihnen aus dem Herzen?

Ich empfinde dieses Zurschaustellen auf den Sozialen Medien, Instagram und so, diesen Reise- und Beautywahnsinn, als derartigen Schwachsinn. Ich weiß auch gar nicht, wer so was liked oder diesen Influencern folgt. Das ist mir ein völliges Rätsel. In meinem Umfeld ist niemand so bescheuert, aber es gibt ja Millionen, die es sind. Das muss doch jeder sehen, dass das unrealistisch ist! Man kann froh sein, wenn man von sich behaupten kann, dass man einigermaßen zufrieden ist und mit sich ausgesöhnt und man hat ab und zu Glücksmomente. Aber ständig glücklich sein gibt’s doch nicht!

Der Romanheld ist im Nachtclub "keine Menschen mehr gewöhnt". Das kennen jetzt viele durch den Lockdown-Entzug. Wie geht es Ihnen damit?

Da geht’s mir auch so, ich bin eh kein Party Animal gewesen, da hatte ich nur immer so kurze Episoden in meinem Leben, und jetzt bin ich 59, da bin ich schon qua Alter aus einigem raus. Aber ich bin immer schon gern allein gewesen, Schreiben ist auch ein einsamer Prozess. Also ausgehungert nach gesellschaftlichem Leben bin ich überhaupt nicht.

Mir sind zwei Drittel meiner Einnahmen weggebrochen, das war aber nicht so dramatisch, weil ich gut verdient habe in den Jahren davor. Aber man ist dann so in ein Privatleben hineingesackt. Wenn man keine Aufmerksamkeit bekommt, finde ich das nicht weiter schlimm, aber man ist es ja doch gewöhnt. Normalerweise hat man ja Auftritte, Interviews, wird gefragt, was man zu dies und jenem sagt. Es hat sich seltsam angefühlt - als sei ich nie eine öffentliche Person gewesen.