"Der Kies knirschte unter unseren Füßen, als wir den Parkplatz vor dem Diner betraten. Unter dem Dach zwischen den Zapfsäulen war kein Mensch zu sehen, weit hinten, am anderen Ende des Parkplatzes, stand ein einzelner Truck mit vornübergekippter Kabine. Die Türglocke schellte. Ich zählte drei einzelne Personen vor den Kühlregalen. Von der Decke plätscherte Musik. Wir kauften Milch und Toast und drei Äpfel. Das sind die letzten, sagte der Junge hinter der Theke und schaute die hellgrünen Äpfel vor sich seltsam zärtlich an."

Ein erwachsener Sohn, Schriftsteller von Beruf, ist mit seiner Mutter auf einer zweiwöchigen Reise in Amerika unterwegs. Die Woche in New York beginnt mit einem Sturz der Mutter, bei dem sie sich die Nase bricht und mit Hilfe von Fremden wieder auf die Beine kommt. Der schwierige Reisestart im unter einer Hitzeglocke dunstenden New York, das Vorankommen in Neuengland, Richtung Maine, sind mit minutiöser, fast protokollierender Genauigkeit erzählt, in der neben den scharfen Wahrnehmungen und knappen Empfindungen des Sohnes zugleich ein um etwas wie Objektivität bemühter Erzähler am Werk ist: ein unbestechliches Auge, das die Leserin eben nicht nur mit dem Sohn unterwegs sein lässt.

Grenzen überschreiten

Eigentlich fährt der Sohn - als der eingetragene Fahrer - den Wagen, aber irgendwann hat seine Mutter das Steuer übernommen. "... dann zahlen wir eben eine Strafe", sagt sie. "Das ist hier kein Wildwestfilm, amerikanische Polizisten sind normale Leute. Man kann mit ihnen ganz normal reden."

Und doch ist es in gewisser Weise ein Wildwestfilm. Denn in der faszinierenden erzählerischen Genauigkeit verbirgt sich auch die Wachsamkeit, ja Alarmiertheit des Sohnes, der sein inneres persönliches Gelände gegen die auf fröhliche und freundliche Art massiv grenzüberschreitende Mutter schützen möchte und eben doch auf verlorenem Posten steht.

- © Rowohlt
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Denn wie könnte das gehen? Wie hätte er ihr sagen können, dass er die zweite Woche gerne allein gereist wäre und nicht, wie von ihr nach Buchung der Flüge beschlossen, in ihrer Gesellschaft?

"Du brauchst eine richtige Stelle", sagt sie irgendwann zu ihm, "wo du ein richtiges Gehalt bekommst. Schreiben kannst du jederzeit nebenbei, als Hobby. Es ist aber kein Hobby, sage ich. Ich finde schon, sagte meine Mutter. Ich finde das nun mal nicht, sagte ich." Und das ist schon das Äußerste an Widerspruch, an explizitem Widerstand, was er ihr entgegensetzt. Stattdessen zieht er sich in Verschwiegenheit, in einen Innenbereich zurück, auf den sie keinen Zugriff hat. "... ich kann doch nicht die Einzige sein, die ständig etwas erzählt, sagte meine Mutter. Ich habe gerade nichts zu erzählen, sagte ich. Jeder Mensch hat etwas zu erzählen, sagte meine Mutter. Hast du denn zum Beispiel neue Ideen für ein Buch? Nein, bisher nicht, sagte ich. Und was beschäftigt dich sonst so? Worüber denkst du nach? Eigentlich über nichts, sagte ich."

Ins Schweigen des Sohnes hinein dringt sie weiter und entschieden zu weit - aber es ist ja ein Aspekt dieses Erzählens, dass nicht nur sie, die übergriffige Mutter, porträtiert wird, sondern auch die lebhafte, in vieler Hinsicht kompetente Frau, die sich aus "einem Land im Osten" in Deutschland hochgearbeitet hat und auch in Amerika zu bewegen weiß.

Matthias Nawrat geht es nicht um ein thesenhaftes, bewertendes Erzählen, das jeder Figur ihren Platz im Sympathieranking der erzählten Welt zuteilt. Vielmehr nähert sich seine Art des unnachgiebig detailversessenen erzählerischen Auslotens noch den kleinsten Nuancen in Situationen und Figuren jener komplexen und immer grundlegend widersprüchlichen Wirklichkeit an, in der wir uns alle bewegen.

Ambivalenzen

Die Mutter ist nicht nur die, die ihm zu viel wird und der er sich verweigert. Sie ist auch die, neben der er plötzlich "genau das" erlebt und empfindet, was er sich für diese Reise gewünscht hat. Beziehung - insbesondere die zur eigenen Mutter - ist nun einmal etwas endlos Kompliziertes und nie vollkommen Einholbares; eine Beziehung, der, ob man will oder nicht, immer ein Machtverhältnis innewohnt. Auch dem gilt es sich im Lauf der gemeinsamen Geschichte zu stellen.

Dass Nawrat sein Mutter-Sohn-Buch vor die immer wieder überwältigende Kulisse nicht nur der amerikanischen Landschaften, sondern auch der amerikanischen "kindness of strangers", der Freundlichkeit von Fremden, gesetzt hat, schafft dem inneren Thema der eng und bedrängend werdenden Nähe einen Gegenpol der Weite, der das Buch nicht nur zu einem äußerst klugen und fein erzählten, sondern auch zu einem mit großer Lesefreude zu genießenden Text macht.