Über das Wasser und seine Bewohner kann man verschiedener Meinung sein. Der eine sitzt im Strandbad beim Spritzwein und sagt "Ich gehe nicht hinein". Der andere interessiert sich für die Forelle nur, wenn sie auf dem Teller landet. Und der US-Schauspieler und Komiker W.C. Fields trank gleich lieber Whiskey, weil im Wasser "die Fische ficken".

Der studierte Physiker Bill François hingegen ist der Unterwasserwelt heillos verfallen. Nach der Erstbegegnung mit einer Sardine als Erweckungserlebnis sowie nach kindlichen Versuchen, Fische unter Zuhilfenahme eines Fadens aus dem Abfluss des Waschbeckens zu angeln, führte ihn das Schnorcheln und Tauchen schließlich auch an seinen Beruf heran. Der Franzose forscht über die Hydrodynamik aquatischer Organismen und ist jetzt auch unter die Autoren gegangen.

Flüssiger Stil

Sein Buch "Die Eloquenz der Sardine" folgt monothematischer gehaltenen Veröffentlichungen der letzten Jahre wie Sy Montgomerys "Rendezvous mit einem Oktopus" über den Intellektuellen unter den Wirbellosen und steht nicht zuletzt nahe an Patrik Svenssons zauberhaftem Debüt "Das Evangelium der Aale". Wie der schwedische Autor und Journalist, der den über Jahrhunderte (und bis heute) nicht gelösten Rätseln des wahrscheinlich mysteriösesten Wasserbewohners nachging, nimmt auch François persönliche Erinnerungen zum Anlass, um neben - gerne auch kuriosen - Anekdoten einen wissenschaftlich fundierten Blick auf das große Ganze zu werfen. Dem Autor gelingt dieses Unterfangen im zum Thema gut passenden flüssigen Stil. Obwohl von über 2,2 Millionen Arten im Meer bisher nicht einmal zehn Prozent erfasst sind und gerade auch weil der "Homo sapiens" seit dem 20. Jahrhundert massiv dazu beiträgt, nicht nur Bestände und Arten, sondern ein ganzes Ökosystem zu gefährden, gibt es viel zu erzählen - und noch mehr zu bewahren.

- © C.H. Beck
© C.H. Beck

Bill François schärft die Sinne und erkundet die Bedeutung von Optik, Geruch und Klang des Meeres für das Leben, das sich darin abspielt. Wir begegnen dem einsamsten Wal der Welt, der zwar den klassischen Finnwalgesang anstimmt, um Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen, von seinen Artgenossen aber nicht gehört werden kann, weil er auf der falschen Frequenz kommuniziert. Überhaupt können Frequenzen mitunter gefährlich sein, wie ein militärischer Beinahe-Konflikt zwischen Schweden und der Sowjetunion im Jahr 1982 beweist, dessen Ursache die mithilfe bioakustischer Untersuchungen erst im Folgejahrzehnt geklärte Verwechslung eines U-Bootes mit einem Heringsschwarm war. Und wir lernen vom Tarnen und Täuschen in nassen Gefilden - mit der Sardine, deren Haut im Bedarfsfall zum Spiegel des Meeres wird, oder dem falschen Putzerfisch, der sich seine "Kundschaft" frech einverleibt.

Immer wieder bedient sich François dabei anschaulicher Tier-Mensch-Analogien: Der Schwarzschwanz-Lippfisch wird im Regelfall nämlich aus einem sehr guten Grund aufgesucht. Er befreit andere Fische zum Beispiel von Parasiten: "Die Putzerstation ist für die Fische ein Ort der Begegnung wie für uns Menschen der Frisiersalon." Aufgeregte Debatten über (Trans-)Genderaspekte sind in den Ozeanen übrigens nur schwer vorstellbar: Zahlreiche Fischarten sind Hermaphroditen oder wechseln im Laufe des Lebens ihr Geschlecht.

Texte und andere Zwitter

Wissenschaftsgeschichtlich blickt der Autor bis zu zwei Millionen Jahre zurück. Während die Hypothese aus den 1960er Jahren, das Eintauchen ins Wasser hätte in der menschlichen Evolution die Zweibeinigkeit und die Sprache befördert, umstritten ist, führte nicht zuletzt das Aufkommen der Schrift zum langsamen Aus für alte Legenden. Warum hätte man als Kapitän etwa auch die banalen Gründe für den Schiffbruch zugeben sollen, wenn es doch monströse Seeschlangen gab, gegen die man chancenlos war? Fakten sind auch nur Inseln: Im Bereich der (natur-)wissenschaftlichen Vorarbeit hingegen erkannte Plinius der Ältere bereits im 1. Jh. n. Chr. erst später Verifiziertes wie den Umstand, dass es sich beim Schriftbarsch um einen Zwitter handelt.

Seinen eigenen Text-Zwitter (über ein klassisches Sachbuch geht "Die Eloquenz der Sardine" jedenfalls hinaus) beschließt Bill François dann auch interdisziplinär - und poetisch: "Die Welt der Worte ist wie die Welt des Meeres: ein Raum der Freiheit. (...) Der Ozean gehört allen und keinem. Wie die Fantasie."