Als der Dramatiker Ferdinand Schmalz 2018 den mit 25.000 Euro durchaus üppig dotierten Ludwig-Mülheims-Theaterpreis des Erzbistums Köln erhielt, bescheinigte ihm die Jury in ihrer Begründung "eine Sprache prall wie Würstel und wie Zuckerwatte bauschend zart". Der 1985 unter dem deutlich profaneren Namen Matthias Schweiger in Graz Geborene hat sich nicht zuletzt wegen seiner Vorliebe für das Schmalzig-Kitschige für diesen Künstlernamen entschieden, und dass er den Vornamen Ferdinand wählte, mag auch etwas mit seiner Vorliebe für das Raimund’sche Volkstheater zu tun haben.

In Klagenfurt jedenfalls bezauberte er 2017 die Jury mit seinem "sprachlich brillanten Stück Literatur" dermaßen, dass sie ihm den Ingeborg-Bachmann-Preis zuerkannte. Den damals vorgetragenen Siegertext hat er nun, vier Jahre später - für Bachmann-Preisträger-Verhältnisse eine halbe Ewigkeit -, zu einem Roman ausgebaut.

Dass der Tod ein Wiener sein muss, wissen wir nicht erst seit Georg Kreisler. Und in der Tat: Hier bekommen Menschen, die ihren Leichnam der Wissenschaft vermachen, ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof. Und nur hier gibt es einen Friedhof der Namenslosen draußen am Alberner Hafen, wo all die armen unbekannten Seelen bestattet sind, die ihre Lebensverzweiflung im Fluss ertränkten. Kein Wunder also, dass ein ebenso todessüchtiger wie todesmutiger Roman wie das Debüt von Ferdinand Schmalz nur hier angesiedelt sein kann, in dieser "mittelgroßen Stadt an der Donau", wie es an einer Stelle ironisch heißt.

Richtig abtreten

Hier haben sich fünf Herren zu einem ganz speziellen Club zusammengeschlossen: "Lose Bekannte aus unterschiedlichsten Zusammenhängen, doch was sie alle habe verbunden, sei eine geteilte Sorge gewesen, wie man es schaffe, richtig aus dem Leben mal zu scheiden. Und hätte er, der Schauer, in einem Buch von Stevenson von einem Selbstmordclub gelesen, so eine Art Sterbeverein. Dass man im Fall des Falles dann nicht selbst sich aus der Welt rausnehmen müsse, nein, dass einer der Vereinsmitglieder diesen vermeintlichen Selbstmord dann inszeniere."

- © S. Fischer
© S. Fischer

Der Doktor Schauer muss sich dann doch selbst rausnehmen aus der Welt, weil der Krebs an ihm nagt und das mit dem Club der Lebensmüden doch nicht so recht klappt. Allerdings will er seinen Abgang gebührend inszenieren: Mit drei Schlaftabletten will er sich in die eigene Tiefkühltruhe legen und dort sanft entschlummern. Weil er jedoch nicht ewig hier im eigenen Keller liegen und womöglich von der eigenen Tochter gefunden werden möchte, macht er dem Tiefkühlkostvertreter Franz Schlicht ein Angebot: Der soll ihn ein paar Tage später mit seinem Kühltransporter abholen und oben auf der Hubertuswarte abladen, wo er dann langsam wieder auftauen und irgendein Passant seine Leiche entdecken soll.

Als Schlicht den Leichnam dann wie vereinbart holen will, muss er sich erst den Weg bahnen durch all das tiefgefrorene Rehragout, das er Doktor Schauer seit Jahren geliefert hat und das nun unverzehrt vor der anderweitig benötigten Truhe vor sich hin schmilzt und gammelt. "Und in ihm drinnen ein Denken, das wächst wie Eiskristalle bei jedem Schritt, den er jetzt tut. Und öffnet er die Tür zum kalten Herzstück dieses Raums. Darin nur nichts. Kein kalter Schauer. Nur kalte Luft, die ihm entgegenstürzt."

Der Eismann Schlicht mutiert daraufhin zum Laien-Ermittler und macht sich im Auftrag von Schauers Tochter Astrid auf die Suche nach dem verschollenen Toten. Daraus entwickelt sich eine Handlung, die so grotesk, so surreal, so irrwitzig ist, dass sie hier nicht einmal andeutungsweise erzählt werden soll. Sie ist bevölkert von skurrilen Gestalten aller Art (die allesamt sehr sprechende Namen tragen), spielt an allerhand seltsamen Schauplätzen und nimmt die absurdesten Wendungen.

Je weiter die Erzählung voranschreitet, desto undurchschaubarer wird sie, und die Frage, wo der Doktor Schauer abgeblieben ist, verliert sich in einer wilden Kriminalromanparodie, der es um eines ganz und gar nicht zu tun ist: Spannung zu erzeugen. Es geht nicht um den Plot, sondern um anderes, Größeres: "Hast du nicht auch von Zeit zu Zeit dieses Gefühl, dass wir nur hier, weil wir noch eine Aufgabe, eine wichtige, oder auch nicht so wichtige, in jedem Fall eine unverzichtbare Aufgabe in so etwas wie einer größeren Erzählung haben?"

Schwarze Groteske

Das fragt der Feuerwerksverkäufer Fabian - auch eine dieser schrägen Figuren - seinen Freund Franz Schlicht. Und in der Tat: Dieser Roman will kein Roman sein, sondern eine philosophische Groteske, in der ein Thema den Grundton vorgibt: Wie geht das, sterben? Und wie sollen wir leben in einer Welt, in der wir überall vom Tod umfangen sind?

Dieser Roman ist voller Anklänge und Anspielungen: an Ingeborg Bachmanns "Todesarten"-Projekt und an die bitterbösen Filme von Ulrich Seidl (an "Hundstage" vor allem, aber auch an "Im Keller"), an die Brenner-Romane von Wolf Haas und an Josef Haders "Wilde Maus", an diverse Politaffären und an den schwarzen Humor des Schweden Roy Andersson. Letzterer hat vor ein paar Jahren einen wundersamen Film gemacht mit dem nicht minder wundersamen Titel "Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach".

Wenn der Eismann Franz Schlicht über das Leben nachdenkt, klingt das jedenfalls so: "Weil so ein Creme-Eis hätte doch so manche schon vor all den Abgründen bewahrt, die so ein Leben halt bereithält. Weil, das habe er, der Schlicht, sich schon des Öfteren gedacht, dass wenn einem auch alle Gründe abhandenkommen und man dem Leben überdrüssig, so hilft zumindest, als letzter Anker, sich dann vorzustellen, dass man, wenn man erst tot, bestimmt kein Eis mehr essen könnt."

Als Roman taugt dieses Buch nicht wirklich. Aber wenn man es als große Meditation über den Sinn des Lebens und das Wie des Sterbens liest, als hochmelodisches Sprachkunstwerk, das mit einer ganz eigenen rhythmisierten Syntax bezaubert (und das man am besten halblaut lesen sollte) - dann wird man viel Freude haben an dieser abgründigen Mischung aus Zuckerwatte und Würstel.