J. Courtney Sullivan ist Journalistin und Autorin in New York. 
- © Peter Ross

J. Courtney Sullivan ist Journalistin und Autorin in New York.

- © Peter Ross

Elisabeth und Andrew bilden mit ihrem Baby Gil eine Vorzeigefamilie der amerikanischen Oberschicht. Sie sind beruflich gut aufgestellt, haben ein hübsches Haus in einer Kleinstadt im Hinterland von New York, führen eine gute Ehe und kümmern sich liebevoll um ihr durch In-vitro-Fertilisation gezeugtes Kind. Damit Elisabeth wieder mehr Zeit zum Bücherschreiben hat, stellen sie ein Kindermädchen ein, das aus einfachen Verhältnissen stammt und den gehobenen Lebensstil der Auftraggeber bewundert.

Das Setting kennt man aus Horrorfilmen, aber in J. Courtney Sullivans Roman hat eine sympathische und kinderliebende junge Frau die Hand an der Wiege: Die mittellose Kunststudentin Sam, die sich ihr Studium mit Dienst in der Uni-Mensa und mit Babysitten finanziert und so die Extreme der Gesellschaft vor Augen hat: Auf der einen Seite die Arbeiterinnen, die sich unterbezahlt durch den Alltag kämpfen, auf der anderen Seite die privilegierten Familien und reichen Studentinnen, die sich mit Luxusproblemen beschäftigen, sich zum Teil nur vordergründig sozial engagieren und einen verwöhnten Lebensstil pflegen.

In Sams Leben ist noch nicht entschieden, welche Seite das Schicksal für sie letztendlich vorgesehen hat. Ihr neuer Freund jedenfalls ist finanziell schlecht aufgestellt und sie hat noch nicht herausgefunden, ob er bloß arm oder auch geizig ist. Elisabeth rät Sam dringend davon ab, sich die Zukunft durch eine Heirat mit ihm zu verbauen. Diese Einmischung ist ein Übergriff, aber Elisabeth empfindet ein Gefühl der Freundschaft für die junge Frau. Sie sorgt auch dafür, dass Sams berufliche Zukunft in Richtung Aufstieg verläuft.

- © Zsolnay
© Zsolnay

Ist das nur selbstverständlich oder eine anmaßende Geste der Bessergestellten? Und kann eine Freundschaft über eine derart große Klassenkluft hinweg überhaupt funktionieren, die sich auch in kleinen alltäglichen Dingen zeigt? "In den Wohnheimen bekam man nie ein richtiges Weinglas zu sehen. Vielleicht sollte Sam mal eins anschaffen. Es war unmöglich, sich kultiviert zu fühlen, wenn man aus einem roten Plastikbecher trank."

Anhand vieler kleiner Szenen und Zwischengeschichten zeigt J. Courtney Sullivan auf, wie sehr das Klassendenken den amerikanischen Alltag bestimmt, wie sich die polarisierenden sozialen Muster durch den drohenden Zerfall der Mittelschicht verfestigen und wie verhärtet die Fronten bereits sind. Sam bekommt das zu spüren, als sie sich für bessere Arbeitsbedingungen der Mensa-Kolleginnen einsetzt: Ihr Engagement wird weder von der Arbeitgeberinnen- noch von der Arbeitnehmerinnenseite gewürdigt. Elisabeth wiederum ist ständig mit der Oberflächlichkeit ihres eigenen Milieus konfrontiert, zum Beispiel durch die Internetforen besorgter Mütter, in denen oft rücksichtslos Ausgrenzung betrieben wird.

J. Courtney Sullivan wägt ihre Worte gut ab, auch ihre humorvollen Spitzen serviert sie mit elegantem Understatement und sie spürt mit feiner Beobachtungsgabe den Befindlichkeiten ihrer Protagonistinnen nach. Überraschende Wendungen oder Formulierungen gibt es allerdings kaum, und ob es alle Nebengeschichten zur Illustrierung der Milieustudien gebraucht hat, ist fraglich. Sie bescheren dem Roman einige Längen.