Der Staat Mosambik, in Südostafrika am Indischen Ozean gelegen, gehört zu den fünf ärmsten Ländern der Welt, und wirft man einen Blick auf die Geschichte des Landes, kommt man zu dem traurigen Schluss: eigentlich seit immer. In den letzten 25 Jahren verdoppelte sich die Bevölkerung auf über 30 Millionen Einwohner, rund die Hälfte hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, zirka jeder Achte ist HIV-positiv. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht. Im Norden des Landes wüten islamistische Terroristen, die ihre Angriffe wieder deutlich ausgeweitet haben.

Mia Couto (eigentlich António Emílio Leite Couto), 1955 in Beira, Mosambik, geboren, gehört zu den wichtigsten literarischen Stimmen Schwarzafrikas. Einige seiner Werke sind im Zürcher Unionsverlag in der Übersetzung von Karin von Schweder-Schreiner erschienen, darunter nun "Asche und Sand", die letzten beiden Teile von Coutos groß angelegter Romantrilogie zum Ende des Gaza-Reiches, deren Auftakt "Imani" (2017) bildet.

Gestürzter König

Der portugiesisch-stämmige Autor orientiert sich zu großen Teilen an historischen Fakten und Personen. Erzählt wird die Geschichte von Ngungunyane, dem letzten König des Staates Gaza (der die südliche Hälfte des heutigen Mosambik umfasste), der Ende 1895 von den Portugiesen entmachtet, mit seinen sieben Frauen nach Lissabon verfrachtet wird und auf den Azoren schließlich ein kümmerliches Ende findet.

- © Unionsverlag
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Hauptfigur der Trilogie indes ist Imani, eine junge Afrikanerin vom Stamm der VaChopi, die mit der portugiesischen Sprache wie auch mit den Sitten der Kolonialherren vertraut ist. Sie wird zur Unterstützung des Sargento Germano di Melo auf dessen Militärposten beordert. Bald schon gerät der portugiesische Offizier zwischen die Fronten des Kolonialkrieges, wird schwer verletzt und ist zur Flucht gezwungen. Mit den Resten ihrer Familie versucht Imani, den Verwundeten zum einzigen Krankenhaus der ganzen Region zu bringen.

Mia Couto erzählt die Geschichte jener Umwälzungen am Ende des 19. Jahrhunderts aus drei Perspektiven. Da findet sich zum einen der Briefwechsel zwischen dem Sargento Germano und seinem Vorgesetzten, zum anderen wird die Trilogie getragen von den Erzählungen Imanis. So eröffnen sich Einblicke in die Haltung der portugiesischen Kolonialherren, aber auch in die eines Offiziers, der sich mit den Anweisungen von oben immer schwerer tut - auch, weil er sich in Imani verliebt hat. Und nicht zuletzt bieten Imanis Schilderungen eine tiefe Einsicht in das Schicksal der Afrikaner in Mosambik.

Dass Mia Couto insbesondere in der Lage ist, afrikanisches Fühlen und Verstehen wiederzugeben, belegt auch das Vorwort zur Erzählung "Unter dem Frangipanibaum" (2007), das vom inzwischen leider verstorbenen schwedischen Schriftsteller und Afrikakenner Henning Mankell stammt:

"Mia Couto wurde als Weißer in einem schwarzen Land geboren. Seine Geschichten und Erzählweise sind jedoch zutiefst afrikanisch. Immer wieder bin ich Menschen begegnet, die erstaunt waren, wenn ich erwähnte, daß Mia Couto ein Weißer ist." Und weiter: "Er bewegt sich frei zwischen den Lebenden und Toten, zwischen dem Heute und dem Gestern, zwischen dem Hier und dem Dort, zwischen Realität und Traum."

Mia Couto bewegt sich in seinen Büchern zwischen zwei Welten. - © apa / afp / Francois Guillot
Mia Couto bewegt sich in seinen Büchern zwischen zwei Welten. - © apa / afp / Francois Guillot

Imani selbst gerät zunehmend in eine ausweglose Lage. Ihr Vater beharrt darauf, sie Ngungunyane zur Frau zu geben, einzig deshalb, damit seine Tochter dem König nahe genug käme, um diesen umzubringen. Sie ist aber auch dem Kapitän des Schiffes verpflichtet, das sie nach Lissabon bringt. Und obwohl sie selbst von Germano schwanger ist, kann sie sich der sexuellen Übergriffe nicht immer erwehren. In Lissabon angekommen, wird Imani in einem Brief von ihrem geliebten Sargento erfahren, dass dieser ihr doch nicht nach Portugal wird folgen können.

Letztlich erweist sich die Überfahrt nach Lissabon für alle Beteiligten als Reinfall. Ein geplanter Triumphzug wird abgesagt, die Präsentation des abgesetzten Königs muss angesichts des elenden Zustands von Ngungunyane auf ein Minimum beschränkt werden. Die deportierten Afrikanerinnen und Afrikaner landen in einem feuchten Verlies, bis die Männer klammheimlich auf die Azoren verfrachtet werden und die Frauen auf eine Insel im Golf von Guinea. Ihr neugeborenes Kind muss Imani in Lissabon zurücklassen.

Würde man "Asche und Sand" nur auf die Ereignisse hin lesen, sähe man sich mit einem anhaltenden Trauerspiel konfrontiert. Die Erlebniswelt Imanis hingegen, das Aufscheinen afrikanischer Kultur und das Wesen der in Mosambik ansässigen Völker schaffen ein Gegengewicht, das die Lektüre immer wieder zu einem bereichernden Genuss macht. Man wird entführt in andere Welten und Träume, Ansichten und Verhaltensweisen, die manchmal nur auf den ersten Blick fremd erscheinen, sich letztlich aber als zutiefst menschlich offenbaren.

Ein ganzes Leben

Wer allerdings zur falschen Zeit am falschen Ort ist, dem bleibt nur das Erzählen: "Schreiben ist meine Art zu beten. Und wer betet, weiß, dass es keine Antwort gibt." Dies berichtet der Sargento seinem Vorgesetzten. Als Imani viele Jahrzehnte später während des Gesprächs mit einem Schriftsteller ihren Koffer öffnet, ist dieser randvoll mit Blättern und Heften gefüllt: "Mein ganzes Leben", lässt sie ihr Gegenüber wissen.

Jede Geschichte eines Landes mündet in eine Gegenwart. Wer sich tiefer auf das Mosambik des 21. Jahrhunderts einlassen möchte, dem sei auch Mia Coutos Roman "Das Geständnis der Löwin" (2014) ans Herz gelegt, dessen Motto, ein afrikanisches Sprichwort, weit über den Roman hinausgreift: "Solange die Löwen sich nicht ihre eigenen Geschichten ausdenken, werden in Jagdberichten immer Jäger die Helden sein."