Geboren am 31. August 1941 in einem ostdeutschen Provinznest namens Meuselwitz, das als Kohlenabbaugebiet zu DDR-Zeiten eine veritable industrielle Hölle auf Erden war, wurde Wolfgang Hilbig nicht unbedingt an der Wiege gesungen, dass er einer der bedeutendsten Schriftsteller der deutschsprachigen Literatur werden sollte. Sein außergewöhnliches sprachliches Talent war mehr Last als Gabe, da er unter proletarischen Bedingungen aufwuchs: Der Vater war vor Stalingrad gefallen, der junge Wolfgang lebte unter extrem engen Wohnverhältnissen mit seiner Mutter und deren Eltern, die aus Polen stammten und Analphabeten waren.

Doch aus diesen Herkunftsfesseln vermochte sich Hilbig zu befreien - 2002 erhielt er als Krönung seiner Anerkennung als Dichter und Prosaautor den Georg-Büchner-Preis. Was wie eine Erfolgsgeschichte aussieht, bedeutete allerdings für Hilbig eine qualvolle, von vielen Sackgassen, Durststrecken und Umwegen geprägte Schriftstellerkarriere. Stets litt er an seiner nahezu schizophrenen Doppelexistenz als Arbeiter und Dichter, der für die Schublade schrieb.

Leben in der DDR

Nach seinem Wehrdienst in der DDR-Volksarmee war Hilbig als Werkzeugmacher, Erdbau- und Montage-Arbeiter im Meuselwitzer Braunkohletagebau tätig. Zugleich begann er sich als Autodidakt mit der Literaturgeschichte und dem Handwerk des Schreibens vertraut zu machen, wenn er abends erschöpft am Küchentisch saß. An das verlogene Theater des Staatssozialismus und die Lügen der DDR-Kulturpolitik wollte er, der doch ein tatsächlicher Arbeiter-Schriftsteller war, sich nie anpassen. Hilbig war, in vielerlei Hinsicht, ein Unbefugter und bekam die Repressionsmechanismen der DDR gegen unangepasste Einzelgänger immer wieder zu spüren.

Auf ihn passt der problematische Begriff "innere Emigration", denn sein Dichten und Schreiben war ein überlebensnotwendiges Gegengewicht zur Knochenarbeit als Heizer, der er in den 1970er Jahren nachging: Allein im Keller einer staatseigenen Industrieanlage schuftend, schaufelte er täglich wohl über 30 Tonnen Kohle in den Höllenofen, der die Fabrikproduktion über ihm antrieb. Nebenbei schrieb er in jeder Hinsicht bemerkenswerte Gedichte, die in der DDR aber nicht erscheinen konnten. Deshalb veröffentlichte er sie ab 1979 in der BRD, was ihm eine vorübergehende Verhaftung und Geldstrafe wegen "Devisenvergehen" einbrachte.

- © S. Fischer
© S. Fischer

1985 erhielt Hilbig wundersamerweise ein fünfjähriges Ausreisevisum; als es abgelaufen war, existierte der deutsche Staatssozialismus nicht mehr. Im Fischer Verlag erschienen seit den 1980er Jahren seine meisterhaften Prosawerke, darunter Erzählungen wie "Alte Abdeckerei" (1991) oder Romane wie "Das Provisorium" (2000) sowie sein Meisterwerk ",Ich‘" (1993).

Ein Jahr, nachdem Hilbig 2007 an einem Krebsleiden gestorben war, begann sein Verlag bereits die höchst verdienstvolle Werkausgabe, die nun - zum 80. Geburtstag - mit dem voluminösen siebenten Band abgeschlossen wird, in der Essays, Reden und Interviews versammelt sind.

Es ist ein veritabler Schlussstein, der auf seinen üppigen 770 Seiten auch die 1995 gehaltenen Frankfurter Poetikvorlesungen enthält. Sie bilden ein Kernstück des Bandes. Wenngleich zumeist anlassbezogen, finden sich unter den Essays und Reden immer wieder faszinierende Texte, die tiefe Einblicke in das Denken und Fühlen Hilbigs vermitteln, so etwa der 2003 erschienene Bericht "Die farbigen Gräber" über seine Rückkehr in das verfallene Meuselwitzer Industriegebiet.

Eine wahre Schatzgrube sind auch die 36 Interviews, in denen Hilbig Auskunft gibt über sein Selbstverständnis als Literat, seine Biografie als Arbeiter und sein distanziert-abscheuerfülltes Verhältnis zum Literaturbetrieb.

Bleibendes Werk

Dieser wiederum hat Hilbig weitgehend vergessen, wenngleich eine kleine, aber rührige Riege an Germanisten ihm die Treue hält. Zum Jubiläum sind im Verbrecher Verlag zwei voluminöse Sammelbände erschienen, von denen insbesondere jener zur Lyrik Hilbigs ein unverzichtbares, aufschlussreiches Standardwerk ist. Der zweite Band hingegen, der danach fragt, inwiefern Hilbigs Werk in den Kontext der Moderne eingeordnet werden kann, liefert eher germanistische Selbstbespiegelung anstelle tiefer Einblicke.

So oder so halten die beiden Bände einen der bedeutendsten Autoren unserer Sprache in jenem körperlosen Gespräch, das das unendliche, aber zunehmend leiser werdende und langsam ersterbende Gemurmel der Literatur ist. Wolfgang Hilbigs Texte gehören aber zu dem, was verdient, übrig zu bleiben.