76 Jahre ist das Ende des NS-Regimes jetzt her. Die Menschen - insbesondere die jüdischen -, die sich noch an diese Schreckenszeit persönlich erinnern können und diese Erinnerung an nachfolgende Generationen weitergeben können, werden immer weniger. Umso wichtiger sind Bücher wie "Zwei von jedem", die versuchen, Kindern begreifbar zu machen, was damals mit den Juden passiert ist. Die Autorinnen, Rose und Rebecca Lagercrantz, sind Mutter und Tochter und beide Nachgeborene des Holocaust (Rose Lagercrantz kam zwei Jahre nach Kriegsende auf die Welt).

Am Anfang stand der Auftrag des Schwedischen Rundfunks, ein Märchen zu schreiben. Doch Rose Lagercrantz, die bereits einige andere Bücher geschrieben hat, die auf ihrer jüdischen Familiengeschichte basieren, konnte diesen Auftrag so nicht erfüllen, "denn der Nationalsozialismus ist kein Märchen". Stattdessen hat sie die autobiografische Geschichte "Zwei von jedem" geschrieben. Ihre Tochter Rebecca Lagercrantz hat das Buch dann illustriert. Der Protagonist heißt Eli, doch die Geschichte, die er erzählt, behandelt eigentlich das (bis auf das Buchende) wahre Leben von Roses Mutter Ella. Es geht auch darum, wie diese Geschichte den nachfolgenden Generationen erzählt wurde – und wie schwierig das war.

Eli wächst in Siebenbürgen in Rumänien auf, seine Kindheit spielt sich Jahre vor der Machtergreifung der Nazis ab. Seine beste Freundin Luli will schon damals zu ihrem Vater nach Amerika auswandern. Das passiert dann auch, noch bevor der Zweite Weltkrieg ausbricht, und die beiden werden auseinandergerissen. Eli versucht sein Leben weiter ohne seine Freundin zu bestreiten, aber seine Gedanken "flattern wie ein Vogel" um sie. Im Geiste ist sie also immer mit dabei.
Nach seiner Bar Mizwa vergehen noch ein paar Jahre, bis die Nazis einmarschieren. Das eigentliche Kriegsgeschehen, in dem Elis Familie aus dem Dorf vertrieben werden und viele Verwandte – auch seine Mutter – verschwinden (die meisten werden im KZ ermordet), kommt nur auf etwa zehn Seiten vor.

Im Vordergrund stehen Elis Kindheit und Jugend. Ein wichtiger Punkt dabei ist das Laufen: Denn Eli versucht immer so schnell zu laufen, wie er kann. Erst läuft er vor den Vampiren davon, von denen ihm sein Bruder oft erzählt – die Autorin vergleicht an dieser Stelle die Antisemiten mit Vampiren, die nicht an ihren Reißzähnen zu erkennen seien, sondern an ihren Meinungen –, das wird später zum Weglaufen von den eigenen Gedanken. In die Erzählung eingestreut sind auch Erklärungen zum jüdischen Leben, verschiedene Bräuche und Rituale.

Eli landet schließlich in Schweden, wo ihn ein versprochener Brief Lulis aus den USA erreicht. Er reist dann zu ihr – und schlussendlich heiraten sie und gründen eine Familie (hier, am Ende, wird das Buch fiktiv). Als seine Kinder Eli nach der Zeit in Rumänien fragen, entsteht diese Erzählung.

Rose Lagercrantz hat sie in eine möglichst einfache und leicht verständliche Sprache gefasst: Kurze Sätze in sehr großer Schrift. Allerdings kommen ein paar Wörter vor, die nicht im Buch selbst erklärt werden. Aber da es ohnehin angeraten ist, Kinder das Buch nicht ganz alleine lesen zu lassen, können die Eltern sie ja mit ihnen besprechen und das erklären, was hier nicht ausgeschrieben steht.

Der Buchtitel "Zwei von jedem" ist übrigens leicht erklärt. Denn in Elis Dorf gab es zwei von jedem: einen sauberen und einen schmutzigen Fluss; einen christlichen und einen jüdischen Friedhof; zwei Kinder, die getrennt wurden; und zwei Leben: eines vor und eines nach dem Krieg. Sein Schlusssatz fasst das Buch gut zusammen: "In meinem Leben gibt es zwei von jedem – doch nur eine Luli."