Stell’ Dir vor, es ist Krieg und keiner . . . - Nein, bitte nichts Martialisches in Zusammenhang mit dem Abenteurer der Worte! Eher so: Stell Dir vor, der Geburtstag eines der wichtigsten österreichischen Dichter jährt sich zum 100. Mal, und kein Verlag schert sich darum.

Das ist gründlich danebengegangen. Am 12. Juni hat sich der Artmann-Geburtstag jubilatorisch gejährt. Die neue Biografie von Marc-Oliver Schuster und Veronika Premer jedoch erscheint erst im Februar nächsten Jahres. Aktuell hat der bemerkenswerte Ketos-Verlag eine auffallend schöne Ausgabe der Barock-Paraphrasen "Von denen Husaren und anderen Seil-Tänzern" herausgebracht, die Gesprächsaufzeichnung "Der Wackelatlas" und "Lovecraft, save the world!: 100 Jahre
H. C. Artmann", eine Sammlung von Essays diverser Autoren, soll im Herbst erscheinen.

Der Buchmarkt schweigt gellend laut - mit zwei Ausnahmen: "ich bin abenteurer und nicht dichter", Gesprächsaufzeichnungen von Kurt Hofmann, ist bei Amalthea erschienen und bei Ueberreuter die Artmann-Biografie von Michael Horowitz.

Überarbeitung und Neuauflage

Die Horowitz-Biografie ist eine Überarbeitung der Ausgabe aus dem Jahr 2001, erschienen knapp nach dem Tod des Dichters am 4. Dezember 2000. Man konnte sie damals als schnelle Reaktion entschuldigen. Zehn Jahre später fällt das freilich schwer.

Horowitz’ Biografie fehlt die Balance. Er schildert glänzend die Zeit nach 1945, die Künstlerkreise, in denen Artmann verkehrte. Da gelingt ein fabelhaftes Nachkriegs-Wienpanorama aus dem Blickwinkel der jungen Künstler, die sich von der österreichischen Tradition abkoppeln und etwas Neues machen wollen auf der Basis dessen, was gerade noch verboten gewesen war.

Allerdings hat Horowitz’ Buch 206 Seiten, und Artmanns Durchbruch mit dem 1958 erschienenen Gedichtband "med ana schwoazzn dintn" kommt auf Seite 151. Soll heißen: Horowitz blendet zwar vor und zurück, aber Artmanns späteres Leben und seine späteren Werke kommen kaum vor. Was immerhin bemerkenswert ist, als Horowitz - zu Recht - bedauert, dass Artmann nur als Dialektdichter wahrgenommen wird. Ein Lesungs-Skandal wird erwähnt und der, als FPÖ-Obmann Jörg Haider ausgerechnet den unpolitischen Artmann zum Typus des schmarotzenden Künstlers hochstilisiert. Sonst bleibt der Artmann seiner letzten etwa 30 Lebensjahre ziemlich im Dunkeln. Dennoch: Lesenswert ist das Buch wegen des Abschnitts mit der Nachkriegszeit.

Kurt Hofmanns "ich bin abenteurer und nicht dichter" macht die Rezension einfacher: Hofmann hat seine Gespräche mit Artmann aufgezeichnet, vor Augen hat man also weitestgehend originalen Artmann. Neu ist auch dieses Buch nicht, wie Horowitz’ Biografie erschien es 2001 anlässlich des Todes von Artmann.

Es ist eine Lust, in diesem Buch zu lesen: Wie querständig Artmann ist zu politischen Kräften, die ihn vereinnahmen wollen, ebenso wie zur Schickeria. Und er widerspricht geläufigen Meinungen: Helmut Qualtinger, so Artmann, beherrschte nur eine Spielart des Wiener Dialekts, Karl Merkatz ist ein "fanatischer Hochdeutschsprecher" - nur Kurt Sowinetz konnte das Wienerische. Und den Suizid des Dichters Konrad Bayer entlarvt Artmann als eine unendlich traurige "bsoffene Gschicht‘". Ein wunderbares Buch, mit dem man dem Dichter näherkommt.

Doch es bleibt das ungute Gefühl, dass der 100. Geburtstag irgendwie verpufft ist. Und alles kann man wirklich nicht der Corona-Krise anlasten.