Charlie Chaplin reagiert nicht begeistert, als ihm sein Freund Douglas Fairbanks von Mary Pickford erzählt: "Zu viel Rotbäckchen und zu wenig Humor, wenn Du mich fragst." Und Fairbanks würde eigentlich gerne kontern - und erzählen, dass Mary den gefürchteten Regisseur Cecil B. DeMille erst kürzlich ganz köstlich nachgeäfft hat. Aber er schweigt.

Es ist nicht das einzige Mal, dass der stets braun gebrannte, muskulöse Douglas Fairbanks seine Zunge zähmt und sich wie ein Gentleman benimmt. Bei einem Mittagessen isst die blasse, zarte Mary nur eine Orange, während er einen Hotdog verspeisen will. Aber angesichts ihrer kargen Mahlzeit, die dem Kampf um ihre Wespentaille geschuldet ist, schämt er sich seiner fleischlichen Gier und packt sein Würstchen verstohlen wieder weg.

- © Heyne
© Heyne

Mary Pickford indes, von den Goldlocken bis zu den zarten Füßen ganz Lady, weiß stets, dass es nötig ist, sich kulinarisch zurückzuhalten. Als sie nach Monaten des Zurückweisens und keuschen Zurückweichens dem Drängen von Douglas endlich nachgibt und seine Einladung ins Liebesnest annimmt, isst sie dort kaum etwas von den für sie zwischen Blumen aufgetürmten Köstlichkeiten - um ein "Völlegefühl" zu vermeiden, das stören könnte, bei dem, was nun auf dem Programm steht.

Mary Pickford und Douglas Fairbanks waren in der Stummfilmära angebetete Stars des Kinos. In Emily Waltons Roman "Miss Hollywood", der auf jene drei Jahre fokussiert, in denen sie heimlich eine Beziehung beginnen, trotz Gegenwinds zueinanderhalten und schließlich zum Paar werden, sind sie vor allem Menschen aus Fleisch und Blut mit realen Bedürfnissen, vertrauten Gefühlen und nachvollziehbaren Gedanken. Voller Ängste und Hoffnungen, was ihre heimliche Liebe anbelangt, geplagt von Zweifeln, was ihre gefährdeten Karrieren betrifft, und gepeinigt von der Frage, ob ihre Fans sich abwenden würden, wenn ihre außereheliche Beziehung ans Licht kommt.

Wobei diesbezüglich Mary Pickfords Realitätssinn und Risikofreude überraschen. Als sie nach dem Auffliegen der Affäre mit Studioboss Adolph Zukor, den sie liebevoll "Papa" nennt, über ihr Gehalt verhandelt und dabei hoch pokert, gibt er ihr wohlmeinend zu bedenken, dass es künftig schwierig sein wird, ihre Filme in den "kleinen Kinos, in den konservativen Orten" zu verleihen. Und sie hält ihm entgegen: "Dafür werden sie uns in den Großstädten die Türen einlaufen. Es gibt garantiert Frauen, die mich für meinen Mut bewundern, zu meinen wahren Gefühlen zu stehen."

D.W. Griffith, Mary Pickford, Charlie Chaplin und Douglas Fairbanks, als sie den Gründungsvertrag von United Artists unterzeichnen (1919)
 
- © New York World-Telegram and the Sun Newspaper Photograph Collection staff photographer

D.W. Griffith, Mary Pickford, Charlie Chaplin und Douglas Fairbanks, als sie den Gründungsvertrag von United Artists unterzeichnen (1919)

- © New York World-Telegram and the Sun Newspaper Photograph Collection staff photographer

Es ist allerdings ein langer Weg bis zu diesem Emanzipationsakt. Und die Metamorphose der bis dahin von ihrer Mutter gemanagten Mary zur frisch geschiedenen Geschäftsfrau führt zunächst zu einem finanziellen Absturz. Aus der am besten bezahlten Schauspielerin Amerikas - 10.000 Dollar pro Woche, plus Boni - wird über Nacht eine Frau ohne Einkommen.

Aber das ungeplante Ende ihrer Verpflichtungen eröffnet auch die Chance für Neues. Wenig später gründet Mary Pickford gemeinsam mit Charlie Chaplin, Douglas Fairbanks und D.W. Griffith - dem Regisseur, der 1915 mit "Birth of a Nation" Film als Kunstform eta-bliert hat - die Filmgesellschaft "United Artists". Die Stars schlagen den großen Filmstudios ein Schnippchen. Und schreiben ein Kapitel Kinogeschichte.

Emily Walton 
- © Franz Baldauf

Emily Walton

- © Franz Baldauf

Die in England geborene und in Wien lebende Autorin und Journalistin Emily Walton blickt im Breitwandformat zurück auf diese Pioniertage Hollywoods - mit zahlreichen Rückblenden und Schauplätzen, die über den nordamerikanischen Kontinent verteilt sind. Auf einer der vier Tage dauernden Fahrten von New York nach Hollywood schaut Mary Pickford aus dem Fenster: "Der Abschnitt um San Bernardino, der einen atemberaubenden Blick auf den Mount San Antonio bot, gefiel ihr jedes Mal am besten auf dieser Reise. Jetzt im Frühling säumte Goldmohn die Gleise und zierte die neben der Zugstrecke steil ansteigenden Hänge." Verweile doch, Augenblick, denkt die Protagonistin. Aber keine Reise dauert ewig, und in Hollywood wartet kein Paradies, sondern harte Arbeit auf sie: Auf dem Weg zu den Grundstücken, auf denen gerade gedreht wurde, "war sie stets durch das Gestrüpp im Straßengraben gelaufen (...), aus Angst, einer der rasenden Autofahrer könnte sie übersehen".

Auch als Leser muss man Mühen in Kauf nehmen. Ansonsten hält man im Dickicht der wortreich beschriebenen Ereignisse nicht mit. Das wäre schade. Denn nur wer aufmerksam liest, wird auch den hintergründigen Humor entdecken - und die von Emily Walton schelmisch erzählte Geschichte als Meditation über die letztlich unberechenbare Wechselwirkung von Schein und Sein begreifen.