Der Germanist Moritz Baßler hat kürzlich in einem viel beachteten Aufsatz ("Der Neue Midcult", in der Zeitschrift "Pop. Kultur und Kritik") aktuellen Bestsellern vorgeworfen, dass sie, indem sie eine gewichtige Thematik behandeln, damit vorgaukeln, selbst gewichtig zu sein. Ein ästhetischer Kurzschluss, wie Baßler meint. Vor allem die Behandlung des gewichtigsten aller deutschen Themen, des Nationalsozialismus, ginge oft Hand in Hand mit der Anmutung, dass es sich dabei automatisch um große Literatur handle. Eine Anmaßung.

Nun könnte man das, was Baßler Autoren wie Daniel Kehlmann, Bernhard Schlink oder Takis Würger ("Stella") vorwirft, auch dem deutschen Autor Edgar Rai und seinem neuen Roman, "Ascona", vorhalten. Er behandelt darin das Schicksal einer Exilgemeinde, bestehend aus diversen Künstlern, die sich in den Dreißigerjahren im schweizerischen Ascona vor der Machtübernahme der Nazis - zumindest vorerst - in Sicherheit brachten. Ein prominentes und auch gewichtiges Thema.

- © Piper
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Zentralfigur ist dabei der Schriftsteller Erich Maria Remarque, der - nach dem immensen Erfolg seines Romans "Im Westen nichts Neues" (1928) - in einer Villa am Lago Maggiore an seinem neuen Roman arbeitet - und verzweifelt. (Er sollte ursprünglich "Pat" heißen, woraus dann schließlich "Drei Kameraden" wurde.) Rai erzählt in seinem Roman also von einem namhaften Erzähler und dessen Roman - was man in Baßler’schen Kategorien als ästhetischeMimesis bezeichnen könnte, als künstlerische Anverwandlung zur Hebung des eigenen Status.

Aber wir wollen hier nicht päpstlicher, bzw. baßlerischer sein als der Germanist selbst, der immerhin auch zugibt, dass er die meisten der kritisierten Bücher trotzdem gerne liest. Und so geht es einem auch mit "Ascona".

Man liest diese empfindsame, keineswegs literarisch auftrumpfende Nacherzählung der müßiggängerisch bis rauschhaft verbrachten Tage dieser versprengten Künstlerkolonie - neben Remarque waren das u.a. die Dichterin Else Laske-Schüler, der Autor Emil Ludwig, der Schriftsteller und Politiker Ernst Toller und die Malerin Marianne von Werefkin - mit einigem Vergnügen.

Wahrscheinlich wird dieses tatsächlich gesteigert durch die beglaubigte Realität der geschilderten Figuren und ihrer Schicksale - um diese Anleihe an der Wirklichkeit kommt man nicht herum. Und auch die somnambule Atmosphäre an dem geschichtsträchtigen Aussteigerort (Monte Veritá!) und die Doppelbödigkeit der im Grunde haltlosen Existenzen verleiht der Geschichte ein spezielles Fluidum.

"Ascona war eine blühende, farbenprächtige, duftende Illu- sion. In Wahrheit schlafwandelten sie alle auf einem Schwebebalken über dem Abgrund", heißt es an einer Stelle. Und an einer anderen: "Man redete und rauchte und trank, dankbar für die Insel in der Zeit."

Erich Maria Remarque in den 30er Jahren. 
- © ullstein bild / Granger, NYC

Erich Maria Remarque in den 30er Jahren.

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Remarque, der mit seinem Roman nicht vorankommt (und ihn schließlich komplett umschreibt), ist in klaren Momenten um eine selbstkritische Analyse seiner Situation nicht verlegen: "Ich vertue mein Leben, ein Hedonist, drei Jahre, verpufft in einem selbstmitleidigen Rauchwölkchen, trinke Champagner mit collierbehängten Gräfinnen und Maharadjas in perlmuttfarbenen Uniformen." Und er lebt allerlei Affären und Beziehungen aus, u.a. mit seiner Ex-Frau Jutta, die er - um sie vor den Nazis zu retten - noch einmal heiratet, und vor allem mit Marlene Dietrich, der der Schriftsteller - wie so viele Männer - komplett verfallen ist. Er reist zu ihr und ihrer Entourage (mit Mann, Tochter, Kindermädchen und diversen Liebhabern) nach Frankreich, liefert sich Eifersuchtsduelle und allerlei sonstige Eskapaden mit der launischen Diva, die sich ihm nur vorübergehend und scheinbar hingibt: ",Wann‘, flüsterte sie, ,erscheint Drei Kameraden auf Deutsch? Werde ich die Pat spielen? Ich will in dich hinein, in dein starkes Herz und deinen großen Geist‘."

Mit Marlene, ihrer Verführungskunst und ihrem Raffinement, kennt sich Edgar Rai aus. In seinem umfangreichen Vorgängerroman "Im Licht der Zeit" (2019) hat der in Berlin lebende und dort eine literarische Buchhandlung ("Uslar & Rai") betreibende Autor die Geschichte und Genese des Films "Der blaue Engel", dem legendären ersten großen deutschen Tonfilm, kundig und unterhaltsam nacherzählt.

Und was in diesem Buch, dem man ähnlich leicht verfällt wie Remarque der Dietrich, schon aufgefallen ist, ist auch in "Ascona" unüberseh- und -lesbar: Dieser Mann hat ein feines Händchen für die literarische Behandlung überreizter Figuren. Indem er selbst nicht übertreibt, sich metaphorisch zurückhält, einen schmucklosen, trotzdem eleganten Stil pflegt, kommen die Spleens und Überdrehtheiten all der Exaltierten und Exilierten erst so richtig zur Geltung. Und darin, in dieser geradlinigen Art des Erzählens, ähnelt Edgar Rai - man muss es nun doch einmal aussprechen - recht wohl Erich Maria Remarque (mit dem er auch die Initialen teilt).

Das ist keine herbeigeschriebene Anmaßung, sondern die nüchterne Feststellung einer ästhetischen Verwandtschaft, auf die man aber vielleicht nicht käme, stünde Remarque nicht derart im Fokus. Was im Grunde aber egal ist. "Ascona" ist auch so - ohne alle Vergleiche - ein guter, lesenswerter Roman.