"Wenn die Leute fragen, warum ich mich so hingezogen fühle zum Thema Sterblichkeit, dann will ich immer antworten, dass es doch eher so ist, dass die Sterblichkeit mich zu sich heranzieht", erklärte die amerikanische Autorin Sigrid Nunez, die vor kurzem 70 Jahre alt geworden ist.

In ihrem neuen Roman geht es wieder um Tod und Freundschaft - und um die globale Bedrohungen für die Menschheit. Im Zentrum stehen drei namenlose Figuren, deren Lebenswege sich vor einiger Zeit getrennt haben und die nun wieder verknüpft werden.

Die Ich-Erzählerin, eine Schriftstellerin fortgeschrittenen Alters (und der Autorin nicht unähnlich), erfährt vom Schicksal einer früheren Freundin, die an Krebs im Endstadium leidet. Ist es Mitleid oder Nächstenliebe? Die Protagonistin macht sich jedenfalls auf den Weg zu der Erkrankten, deren einzige Tochter den Kontakt abgebrochen hat.

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Die Erzählerin ist sich sicher, dass es das letzte Treffen sein wird. Doch zuvor gerät sie eher zufällig in den apokalyptischen Vortrag eines Professors, in dem (die Querdenker-Szene lässt grüßen) von allerlei Verschwörungen und vom Bankrott der Politik die Rede ist. Später erfahren wir, dass der umstrittene Akademiker der ehemalige Lebensgefährte der Ich-Erzählerin ist.

Die beiden Frauen mieten sich ein hübsches Haus an der Küste Neuenglands, sehen sich alte Filme an, lesen gemeinsam Märchen und bekochen einander: ein Ambiente wie im Urlaub, wäre da nicht das Damoklesschwert der tödlichen Krankheit. Sie genießen die Zweisamkeit. Doch befindet sich die Hauptfigur auf einer ständigen Gratwanderung zwischen Notlügen, Wahrheit, Aufmunterung und Trost. Es ist ein Spagat bei jedem Gespräch, verbunden mit der permanenten Reflexion darüber, wie die eigenen Worte von der Kranken aufgenommen werden. "Wohl wissend, dass jedes Wort ein anderes hätte sein können. Wie das Leben meiner Freundin, wie jedes andere Leben anders hätte sein können."

Sigrid Nunez’ große Kunst besteht darin, mit sparsamem Vokabular und ohne jedes Pathos ein Höchstmaß an Empathie in Worte zu kleiden und daraus Sequenzen zu gestalten, die in feinen Dosen menschliche Wärme, Anteilnahme und Innigkeit versprühen. So balanciert der Roman zwischen Trauer und Trost, zwischen Lachen und Weinen. "Diese traurigste aller Zeiten, die auch eine der glücklichsten Zeiten meines Lebens gewesen ist, wird vorbei sein. Und ich werde allein sein", resümiert die Protagonistin.