Wie unter anderem im "Feuilleton" der "Wiener Zeitung" in einem Interview zu lesen war, leckte Michael Köhlmeier Blut, als er den Stahlstich einer Guillotine mit hoch hängendem Messer sah - und unter dem Gerüst Hunde und Katzen, die sich an der roten Körperflüssigkeit der Hingerichteten delektierten. Eine halbe Stunde später, so Köhlmeier, habe er seinen Romanentwurf und gleichzeitig seinen Helden und Ich-Erzähler im Kopf gehabt: den klugen Kater Matou, kupferrotes dickes Fell, der sich die menschliche Sprache in Wort und Schrift aneignet und mit sieben Leben durch bedeutende Episoden der Weltgeschichte streunt - eine Geschichte der Aufklärung von der Französischen Revolution bis heute.

Ein Tier als Zeitzeuge unserer Gesellschaft, nach dem Motto "Die Katze erzählt..." - kann das heutzutage noch funktionieren? Durchaus! Noch nie habe ein literarischer Stoff ihm so viele Freiheiten gewährt, sagt Köhlmeier. Er nützt diese Freiheiten und führt das Experiment zum souveränen Gelingen, indem er aus dem Vollen seiner Fantasie, seiner Erzähllust und seines philosophischen und literarischen Wissens schöpft.

Vom betulichen Bildungsroman ist er dabei weit entfernt und das Besserwisserische überlässt er seinem gewitzten Kater, dem man das gerne nachsieht, weil er auch Zweifel an seinen eigenen Interpretationen hegt. Matou begnügt sich nicht damit, das Erlebte zu erzählen, er will auch das Wesen des Menschen ergründen - und stellt sich dabei empathischer an als so mancher Mensch, der das Wesen der Katzen ergründen möchte.

- © Hanser
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Und so strotzen seine wildromantischen Geschichten und spannenden Abenteuer nur so von originellen Beobachtungen und geistreichen Kommentaren. Dazu gibt es fachkundig aufbereitete Happen Weltgeschichte:

Nachdem Matous erstes Leben wie das seines Herrn auf einer Guillotine der Französischen Revolution endet, führt ihn sein zweites Katzenleben zum Dichter E.T.A. Hoffmann, bei dem er Lesen und Schreiben lernt und dem er als Vorbild für Kater Murr dient. Später gründet Matou auf der Insel Hydra einen Katzenstaat und probiert aus, wie man sich zum "charismatischen" Tyrannen erhebt.

Im Kongo startet er mit Leopardenkräften einen Rachefeldzug wegen der Gräuel der belgischen Kolonialherrschaft; zur Zeit des Ersten Weltkriegs lebt Matou als Hauskatze in Prag und erkundet am Beispiel von Kafkas sprechendem Affen Rotpeter die Trennlinien zwischen Mensch und Tier. In seinem sechsten Leben landet er bei Andy Warhol in New York City, der ihn zu Partys schleppt und sich irgendwann sogar von einer sprechenden Katze gelangweilt fühlt. Seine Beobachtungen, Erkenntnisse und Analysen komplettiert Matou schließlich im siebten Leben in Wien beim Philosophie- und Geschichtsstudenten Daniel, der Schriftsteller werden möchte, wobei der wissbegierige Kater noch eifriger schreibt und für seine Aufzeichnungen stets 200 Blätter Kopierpapier benötigt.

Meisterhaft vernetzt Köhlmeier die einzelnen Episoden, Handlungsverläufe, Vor- und Rückschauen, Gedichte, Songtexte, Bücherlisten zu einem überzeugenden Ganzen, nicht zu vergessen die vielen Anspielungen. Es liest sich zum Beispiel köstlich, wenn ein Floh bzw. "Flohmensch" mit Bernhard’schem Ekel die Dumpfheit und Stumpfheit der Flöhe beschreibt oder Muddy Waters um die Gunst des Katers singt.

In seiner Begeisterung für den vierbeinigen Helden schreibt sich Köhlmeier vom Fantastischen an die Wirklichkeit heran. Nach der ersten Eingewöhnungsphase kann man sich so einen Kater durchaus in einem literatur- und philosophieaffinen Haushalt wie jenem von Michale Köhlmeier und Monika Helfer vorstellen. Und wie Matou, der nach der Lektüre vieler Bücher erst nach dem Lesen englischer Krimis feststellt: "Nun weiß ich mehr über euch!", kann der Leser/die Leserin nach der Lektüre dieses Romans behaupten: "Nun weiß ich mehr über uns!" Mussten es trotzdem fast 1.000 Seiten werden? 200 Blätter Kopierpapier hätten jedenfalls nicht gereicht!